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VII. Kapitel: Verwundungeil der grossen Gelenke.
Band III. Spez. Theil.
IT. Verlauf und Ausgang.
Wundverlauf ohne Eiterung wurde im Deutsch-Französischen Kriege — wie überhaupt, so auch beiGelenkwunden — nur ausnahmsweise beobachtet. Gewöhn-lich begann dieselbe nach wenigen Tagen; häufig wurdesie nach anfangs sparsamer Absonderung plötzlich stärker;nicht selten nahmen grosse Eitermassen ihren Weg zwischendas Bindegewebe der Muskelgruppen. Auch bei ausgedehntenSenkungen, sogar bei deutlichen allgemeinen pyämischenErscheinungen,') sind übrigens noch Heilungen beobachtet.Nur allzu oft aber ging die Eiterung in Jauchung über,welche dann fast ausnahmslos den Tod nach sich zog.
Als besondere Eigenthümlichkeit der schnell einsetzendenjauchigen Eiterung ist Hautemphysem vielfach hervor-gehoben. Dasselbe entsteht in der Wunde und verbreitetsich unter der Haut der Umgebung derselben; nur sehrselten findet die Entwicklung von Gas bei unver-sehrter Haut statt, ohne dass Fäulnisserreger Gelegenheithaben, unmittelbar in die Weichtheile einzutreten. VonEmphysem der letzten Art hat II. Fischer 2 ) nur fünfBeispiele in der Litteratur aufgefunden; 1870/71 wurdeLuftknistern, abgesehen von Brustverletzungen, nur in derNähe von Wunden beobachtet.
Das Emphysem entsteht vorwiegend an den unterenGliedmaassen. In der Kasuistik dieses Kapitels ist dasselbebei Verwundungen der oberen Gelenke niemals erwähnt;bei einem Sehultergelenkschuss 3 ) fand sich allerdings Luftim Herzbeutel, doch ist dieser Befund wohl kaum mit derGelenkwunde in Zusammenhang zu bringen.
Bei Gelenkwuuden der unteren Glieder wird Gas-entwicklung 8 mal hervorgehoben, und zwar 5 mal nachVerletzung des Hüftgelenks, 3 mal nach Verletzung desKniegelenks; 1 mal wurde bei einem an IlüftgelenkschussVerstorbenen (No. 64) Gas in der Schenkelblutader ge-funden. Ausser den Weichtheilen des Oberschenkels warbei einem Verwundeten (siehe unter Hüftgelenk No. 21)auch der Psoas mit Gasblasen durchsetzt; bei einem anderen(siehe unter Hüftgelenk No. 103) begünstigte eine Blasen-wunde die Entstehung der fauligen Zersetzung. Die Luft-bläschen bildeten sich, so weit bekannt, am 4. Tage nachder Verwundung bei K. (Hüftgelenk No. 17), in der2. Woche bei dem am Kniegelenk verwundeten Seh.(No. 200), B. (No. 306) und bei P. 4 ), von denen derErste 2 Tage, der Zweite 4 Wochen, der Dritte 4 Tagespäter erlagen; endlich stellte sich Emphysem je 1 mal
i) Siehe Tabelle IV auf S. 670.
2 ) H. Fischer, Ueber das traumatische Emphysem; v. Volk-mann's Sammlung No. 65 (Chirurgie No. 22), S. 438.
3 ) Siehe unter Schultergelenk No. 81.
4 ) Siehe unter Beckenverletzungen, S. 590 dieses (III.) Bandes,No. XXIX. I'as Hüftgelenk war in Mitleidenschaft gezogen.
am Ausgang der 3. und Anfang der 4. Woche, d. i.7 und 9 Tage vor dem Ende ein (Hüftgelenk No. 103,Kniegelenk No. 88). Die oben schon erwähnten am Hüft-gelenk Verwundeten (No. 21 und 64) starben am 21. bezw.15. Tage nach der Verwundung.
Das Vorwiegen des Emphysems an den unteren Gliedernwird durch die stärkere Entwicklung der Weichtheile da-selbst erklärlich, welche günstigere Verhältnisse für dieZurückhaltung und Zersetzung der Absonderungen darbietet.
Dagegen ist an den oberen Gliedern häufiger eine schnellauftretende feste Schwellung beobachtet, welche verschiedeneChirurgen mit verschiedenen Namen belegt haben. Pir ogoffbezeichnet dieselbe als „akut purulentes Oedeni",v. Langenbeck (Deutsche militärärztliche Zeitschrift 1872,S. 267) als „speckige Infiltration, welche ihren Ausgang indas erwähnte Oedem oder in Brand und Pyämie nimmt",II. Fischer (Erfahrungen, S. 39) endlich als „akut klein-zellige Infiltration der Gewebe, die schnell auftritt undschnell zum Tode führt". Derselbe Autor hatte 1864 und1866 (S. 44) das Ueberwiegen der oberen Glieder bemerkt;v. Langen!)eck hatte bis zum Januar 1871 diese Art derEntzündung nur am Schulter- und Ellenbogengelenk undam Oberarm beobachtet.
Vom Schultergelenk ausgehend findet sich in denKrankengeschichten aus dein Kriege 1870/71 das akut puru-lente Oedem 2 mal vermerkt, und zwar trat es 1 mal (sieheunter Schultergelenk No. 112) am 22. Tage auf, nachdem derVerwundete schon, den Arm in der Mitelle tragend, herum-gegangen war, und führte noch an demselben Tage denTod herbei. Ferner wurde v. B. (siehe No. 10 auf S. 427im V. Bande dieses Berichtes), welcher am 6. Tage nachder Verwundung resezirt war, 4 Tage nach der Operationdavon befallen und starb 2 Tage später.
An Ellenbogengelenkwunden schloss sich die genannteSchwellung dreimal an; zweimal (siehe unter Ellenbogen-gelenk No. 193 und 194) führte sie am 5. bezw. 10. Tagenach der Verwundung zum Tode, während sie bei einemvon Billroth behandelten Hauptmann im MannheimerLazareth, welcher sich in der 4. Woche der Resektionunterzog, am Tage nach der Operation auftrat und trotzvorgenommener Exartikulation in der Schulter schon 2 Tagenach ihrer Eii' ihung den Tod verursachte.
Betreffs der Häufigkeit anderer Wundkrankheitensiehe Tabelle IV auf S. 670.
Ausstossuug von Knochentheilen, sowohl frischerals abgestorbener, fand sehr häufig statt. Zum Theil han-delte es sich um sehr kleine, als „Knochensand" und„Knochenmehl" bezeichnete Abschilferungen, zum Theil umgrosse Stücke, ja mehrmals wurden ganze oder zersprengteGelenkköpfe, die völlig aus ihrer Verbindung gelöst waren,herausgenommen. Diese Fälle sind theilweise als Resek-