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3. Chirurgischer Theil A (1888) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Spezieller Theil: Verwundungen der einzelnen Körpergegenden ; zweite Abtheilung: Verwundungen der Gliedmaassen
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Band III. Spez. Theil.

I. Abschnitt: Allgemeines über Gelenkwunden.

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übrigen Gelenke nur einige Tropfen enthalten. Je wenigerWeichtheile das Gelenk umgeben, desto leichter gelangtdie zähe Flüssigkeit bis an die Oberfläche. Wird ihr Aus-treten wirklich beobachtet, so liegt dennoch die Möglich-keit vor, dass sie einem gesonderten Schleimbeutel odereiner Sehnenscheide der Umgebung entquollen ist.

Ausstossung von Knorpel ist mehrmals be-richtet l ), besonders am Kniegelenk, wo er die grösste Aus-dehnung hat und bis zum scharfen Rande des Schienbein-kopfes sich erstreckt.

Zuweilen ist es möglich, ein Loch oder einen Rissder Kapsel mit dem Finger zu fühlen. Nur die Rumpf-gelenke bieten in dieser Beziehung Schwierigkeiten. AmSchultergelenk ist die Kapsel mit zahlreichen Muskel-ansätzen verwachsen, welche die Oeffuung durch Spannungder Kapsel schliessen; das Hüftgelenk wird wegen der Mengeder deckenden Weichtheile oft vom Finger nicht erreicht.

Entstellung des Gelenks durch Knochenbruchist selten hervorgehoben, weil diese Erscheinung bei Schuss-brüchen weniger diagnostischen Werth hat, als bei Brüchenunter der [laut. Denn wenn die Verschiebungen derKnochenstücke so bedeutend sind, dass sie eine Entstellungbewirken, dann ist die Diagnose auch schon durch dieanderen Zeichen sichergestellt. Von Werth kann diejenigeGestaltveränderung werden, welche im weitereu Verlaufdurch Kallusbildung auftritt, weil sie einen Rückschlussauf die vielleicht anfangs nicht erkannte oder wenigstensnicht ausreichend gewürdigte Knochenverletzung gestattet.

Auch das Knochenkrachen lägst, wenn die Diagnosenicht auf Grund anderer Merkmale zu stellen ist, im Stich,da fest aneinanderliegende Knochenstücke sich nicht gegen-einander bewegen lassen.

Bei einem von G. Fischer beobachteten Verwundetenhat die Hervorrufung dieses diagnostischen Zeichens sogarschädliche Folgen gehabt. 2 )

Wenn die unnatürliche Beweglichkeit als Merkmaleines Gelenkbruchs angeführt wird, so dürfte dies vorwiegendals unwillkürliche Uebertragung der elementaren Zeicheneines Knochenbruchs überhaupt auf Gelenkbrüche anzusehensein. Für den Bruch eines Knocheuschaftes, der als festeStütze dient, ist die Beweglichkeit freilich charakteristisch,an den Gelenken aber kann nur bei grosser Zerschmetterungder Gelenkenden eine unnatürliche Beweglichkeit eintreten;sonst ist dieselbe im Gegentheil gewöhnlich beschränkt.

Bluterguss ins Gelenk findet häulig statt. Er ent-steht entweder durch Schussverletzung der Gefässe, welcheverhindert sind ihren Inhalt nach aussen zu ergiessen, oderdurch Zerreissung derselben in Folge von Erschütterung,ebenso wie bei Friedens-Quetschungen. Die Füllung derGelenkhöhle durch Blut erschwert das Fühlen einzelnerKnochenbruchstücke und wenn sich Gerinnsel gebildet

haben, so kann weiches Knirschen bei Bewegungen un-deutliches Knochenreiben vortäuschen.

Die Aufhebung der Gebrauchsfähigkeit ist derRegel nach entweder bedingt durch die Zerstörung desGelenkmechanismus oder durch den Schmerz, nur sehrausnahmsweise durch einen im Gelenk verbleibenden Fremd-körper (Geschoss). Die Gelenkthätigkeit bleibt oft kurzeoder längere Zeit erhalten. Dass beim oberen Rumpfgelenkdie Bewegungsfähigkeit gleich nach der Verwundung ge-legentlich fortbesteht, ist wegen der Bänder, Sehnen undMuskeln nicht auffallend, dass aber das Hüftgelenk, welchesin der Ruhe die ganze Last des Rumpfes und der Ober-glieder zu tragen, in der Bewegung das ganze Gewicht desBeines zu pendeln hat, noch eine Zeit lang bewegungs- undgebrauchsfähig bleiben kann 1 ), ist stets als auffallendeSache betrachtet worden. Schon mit getroffenem Knie-gelenk ist das Gehen nur in seltenen Fällen möglich ge-wesen. 2 ) Die übrigen Gelenke sind im A^erhältniss zumGeschoss zu klein, als dass bei erheblicherer Verletzungder Gelenkmechanismus fortbestehen könnte.

Die Entzündung des Gelenks macht sich zuerst durchSchmerz bei Bewegung und auf Fingerdruck bemerkbar,dann tritt Schwellung ein, welche, wie der Bluterguss, beiverschiedenen Gelenken an einzelnen bestimmten Stellenzuerst wahrnehmbar wird. Der Uebergang der Entzündungin Gelenkeiterung ruft meist heftige Schmerzen in voll-kommener Ruhestellung hervor und macht sich zugleichdurch die Wirkung auf das Allgemeinbefinden bemerkbar.

Die Stellung des Gliedes ist abhängig von demInhalt der Kapsel und der Spannung der Muskeln. In Folgedes entzündlichen Ergusses nimmt jedes Glied, wie Bonnetdurch Einspritzungen nachgewiesen hat, diejenige Stellungein, in welcher die Kapsel sich am weitesten ausdehnenkann, der Erguss daher am wenigsten schmerzhaften Druckauf die Kapselnerven ausübt. Zu gleicher Zeit, ja zuweilenschon ehe Schwellung nachweisbar ist, bringen die reflek-torisch gereizten Muskeln das Gelenk in dieselbe Lage, inwelche es durch den Erguss mehr passiv gedrängt wird.

Ist keine Veränderung aufzufinden, aus welcher dieGelenkverletzung mit Sicherheit zu erkennen ist, so musszu Gunsten des Verlaufes auf genaue Diagnose verzichtetwerden. Wie wenig dieser Grundsatz noch 1870/71 all-gemeine Anerkennung erlangt hatte, zeigt recht deutlich dieKraukengeschichte eines Verwundeten, der bei Spicherenschräg durch die rechte Hüfte geschossen war. Währendeines 8 tägigen Aufenthaltes in Saarbrücken wurde er vonjedem der durchmarschirenden Truppenärzte sondirt und be-glückwünscht, dass die Kugel so knapp am Gelenk vorbei-gegangen sei, ohne dasselbe zu verletzen. 3 )

gelenk.

] ) Siehe z. B. unter Ellenbogengelenk, S. 696, desgl. unter Knie-

") Siehe unter Schultergelenk, S. 676.

!) Siehe unter Hüftgelenk, 8. 742.

2 ) Siehe unter Kniegelenk (Diagnose).

3 ) Siehe bei Schüller, a. a. O., S. 62, No. 31 und denselbenVerwundeten im V. Bande dieses Berichtes, S. 512, No. a. 1. Yergl.übrigens hierzu den Allgemeinen Theil dieses Bandes, S. 34.