Band III. Spez. Theil.
I. Abschnitt: Allgemeines über Gelenkwunden.
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grösser ist als diejenige eines kleineren (Gewehr-) Pro-jektils, welches eine durchbohrende Wunde setzt. Sehrselten entstehen durch Schussquetschungen unvollkommeneoder völlige Verrenkungen ohne Knochenbruch. Wahlerwähnt nicht besonders, ob der von ihm gesehene ver-renkte Oberarmkopf (vergl. S. 674) unversehrt war, da-gegen berichtet er ausdrücklich die Verrenkung eines voll-kommen erhaltenen Mittelfussknochens (siehe unter „Ver-wundungen des Fussgelenks").
Die Schussquetschungen unterscheiden sich nur durchdie veranlassende Ursache von den Friedensverletzungendurch stumpfe Gewalt. Wie bei diesen zuweilen brandigeAbstossung der Haut, Freilegung der Kapsel, selbst nach-trägliche Oeffnung derselben stattfindet, so verlaufen ge-legentlich Schussquetschungeh in gleicher Weise, wiev. Esmarch 1848 und Demme 1859 beobachtete (vergl.Kniegelenk), während aus dem Deutsch - FranzösischenKriege kein derartiger Fall vorliegt.
Auch nach gesetzter Hautwunde kann die Kapselgequetscht oder geöffnet sein. Die Quetschung kommtdabei zu Stande, indem das Geschoss mehr senkrechtzur Kapseloberfläche bis an dieselbe vordringt, odermehr tangential die Kapsel streift. Die mehr senkrechteingedrungene Kugel fällt gelegentlich an Gelenken mitmassiger Weichtheilumhüllung wieder heraus, doch sind dieAngaben des Verwundeten in dieser Hinsicht oft ebensounsicher, wie der Befund der Untersuchung, da angeblichherausgefallene Kugeln sogar mitten im Knochen gefundensind.')
In anderen Fällen ist das Geschoss gleich oder späterherausgezogen. Um die steckengebliebene Kugel und imgequetschten Gelenk bildet sich Eiterung, durch welchedas Gelenk geöffnet wird; die Kugel findet daher dieMöglichkeit, sich in das durch Erguss ausgedehnte Gelenkzu senken und wird dort unerwartet ohne Knorpelverletzungaufgefunden. 2 )
Wird die Kapsel tangential gequetscht, so bleibtdas Geschoss entweder an der Kapsel in derselben Weiseliegen oder geht weiter und bleibt in den umliegendenWeichtheilen stecken. Bei genügender Kraft dringt es ander dem Einschuss gegenüberliegenden Seite bis unter dieHaut vor oder durchbohrt dieselbe. Ob die Kugel beiihrem Vorbeigang an der Kapsel durch die Streifung nureine Quetschung oder Oeffnung hervorgerufen hat, ist nichtimmer ersichtlich; es entstehen sogar zuweilen Zweifel, obdie Kapsel nicht unversehrt geblieben ist und etwa nurdie Weichtheile der nächsten Nachbarschaft verletzt sind.In allen drei Fällen kann es Tage und Wochen dauern,ehe Gelenkentzündung eintritt, da die Oeffnung durchMuskelzug, Weichtheilverschiebung und Blutgerinnsel ver-
*) Siehe unter Hüftgelenk, S. 742: Angeblich herausgefalleneKugel steckt im Gelenkkopf.
a ) Siehe unter den Verletzungen des Hüftgelenks, No. 12.
legt wird. Die drei anatomisch trennbaren Verletzungensind daher klinisch oft kaum zu unterscheiden. Es ergabsich daraus die Notwendigkeit, bei einzelnen GelenkenQuetschungen und Streifungen zusammenzufassen und da,wo nicht sichere Gelenkverletzung aus der Art der Ver-wundung und dem Verlauf sich ergab, jedenfalls nursolche „Weichtheilverletzungen" als Kapselschüsseanzusprechen, welche mit völliger Steifheit geheiltsind. (Vergl. S. 660 und die folgenden Kapitel.)
Zuweilen stirbt die gequetschte Stelle ab und löst sich,so dass einige Zeit nach der Verletzung die Eröffnung desGelenkes erfolgt. 1 )
Unmittelbare Eröffnung des Gelenkes findetstatt, indem die Kugel in der Wand stecken bleibt, dieselbestreift oder in die Höhle eintritt, oder letztere durchlaufendan einer anderen Stelle ihren Ausweg nimmt. Wird diein der Wand steckende Kugel entfernt, so machen sichzuweilen dann erst die Folgen der Kapselöffnung geltend,da das Loch bis dahin durch das Geschoss geschlossen war. 2 )Streifschüsse öffnen das Gelenk im Allgemeinen an einerStelle; nur beim Kniegelenk ist nicht immer ersichtlich,ob nicht zuweilen zwei aneinanderliegende Oeffnungen ent-standen sind, wenn das Geschoss quer unter dem Scheiben-bande oder der Streckersehne durchgelaufen ist.
Unmittelbarer Eintritt eines Geschosses in die Gelenk-höhle, ebenso Durchdringung des Gelenkes ohne Knochen-verletzung ist nur am Knie beobachtet, doch liegt auchbeim Schultergelenk die Möglichkeit dazu vor, und zwarbei gesenktem Arme im oberen, 3 ) bei gehobenem imunteren Altschnitte, während bei allen anderen Gelenkendem Geschosse bei der Durchbohrung stets Knochen in denWeg treten.
Bei Gelenk wunden mit K noclienverletzung findensich Beinhaut- und Knorpelabstreifungen, Schussrinnen oderBrüche der gelenkbildenden Knochentheile. Die Strei-fungen und Schussrinnen, welche ebenso wie die Brüchedurch senkrecht oder mehr im spitzen Winkel zur Längs-achse des Knochens auftreffende Kugeln hervorgebrachtwerden, finden sich nur beim Knie zuweilen an denjenigenKnochenflächen, welche dem Innern der Hohle zugewendetsind, bei allen anderen Gelenken ausschliesslich an derenPeripherie.
Die Brüche betreffen, wie schon bemerkt, entwederdie gelenkbildenden Knochentheile, indem die Kugel selbstdas Gelenk öffnet, oder die Knochenenden ausserhalb derKapsel, mit Hervorrufung von Sprüngen bis ins Gelenk.Die Verletzung kann das eine Gelenkende allein oder beide
1 ) Siehe unter den Verletzungen des Kllenbogengelenks No. 13,desgl. unter denen des Kniegelenks No. 5.
2 ) Siehe unter den Verletzungen des Kllenbogengelenks No. 2,desgleichen unter denen des Kniegelenks No. 11.
s ) Vergl. v. Kangenbeck, Chirurgische Beobachtungen, S. 107.(2 Fälle aus dem Feldzuge von 1866.)