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1 (1910) Althochdeutsche Schriftdenkmäler des IX. bis XI. Jahrhunderts
Entstehung
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Abgesehen von den beiden Initialen in Capitalisquadrata und Z. 6, die in Capitalis rustica als Zier-schrift geschrieben ist, liegt karolingische Minuskeldes IX.X. Jahrhunderts vor und zwar lassen sichzwei Schreiber unterscheiden, die offenbar zwei ver-schiedene Richtungen der Schreibübung vertreten.Die ersten 5 Zeilen zeigen eine Hand, welche dieschöne Form ohne Künstelei und sicher beherrscht.Der andere Teil der Seite macht einen derberen undunruhigen Eindruck. Im Einzelnen erhellt die Ver-schiedenheit der Schreiber sowohl aus der stärkerenRechtsneigung der ersten Zeilen gegenüber der Steil-schrift des grösseren Teiles der Seite als auch ausder Vergleichung einzelner Buchstaben wie g (Z. 3und 9) und r (Z. 1 parcere und 13 patior), der Buch-stabenverbindung & (Z. 1 und 11) und der Ober-längen bei d, b, h. Der erste Schreiber steht nochin der formgewandten Überlieferung des IX., der

andere nähert sich mehr der die Form vernach-lässigenden Übung des X. Jahrhunderts. Als einNachklang älterer Zeit haben sich bei den beidenSchreibern die Buchstabenverbindungen st (Z. 3 und7) und et (Z. 1 und 7; Z. 2 und 3 auch im Wort-innern) und der Gebrauch des Majuskel-N (Z. 2 und 4)im Wortinnern und am Schluss erhalten. Die Be-deutung der zahlreichen Abkürzungen des lateinischenTextes ergibt sich aus der unten folgenden Umschrift;bemerkenswert ist das per (Z. 2), welches hier, wiein den Missalen, mit per Jesum Christum dominumnostrum aufzulösen ist. Die Worttrennung ist nochunvollkommen, die Satztrennung durch die An-wendung von Kapitalbuchstaben angestrebt. Als Satz-zeichen dient der Punkt, ausser Z. 17, die mit einemumgekehrten Ausrufezeichen endet, und Z. 19, inder ein Fragezeichen vorkommt.

LJeul cui proprium l ) eft mifereri femper et parcere. fufeipe deprecatioNem Hoftram "').Ut quo! catena delictorum coNftriNgit. miferatio tuae pietatif abfoluat. per 3 ).

Got thir eigeNhaf ift. thaz io geNathih bift. iNtfaa gebet uNfar . thefbethurfun uuir far . thaz unf thio ketinun . bindent thero funduN .thiNero mildo geNad intbiNde haldo 4 ).

HIERONIMI. AD AMANDUM PRESBITERUM.(,Jueiifti a me utrum mulier relicto uiro adultero et fodomita . etalio per uim aeeepto poffit ablque penitentia 5 ) communicare ecc\efie °). ui-uente adhuc eo quem priuf reliquerat. quod legenf illiuf uer-ficuli recordatuf fum ad excufandaf exeufationef in peccatif.Omnei enim hominef uitiif noftris fauemu/.et quod propria faeimuf uolun-tate . ad naturae referimuf neceffitatem . quomodo fi dicatadolefcenf. uim patior . corporif me ad libidinem ardor Impel-lit. Ipfa Organa menbrorum genitalium et compofitio corporif.femineof querit amplexuf. Et rurfum . Si homieida . In egefta-te Inquit eram. Indigebam eibo . tegumeN corporif non habebam-)Ideo alienum fanguinem fudi. ne Ipfe fame et frigore morerer 7 );Refponde itaqu^ forori. quae a Nobif luper ftatuf fui querit. non noftralfed apoftoli effe fententiaf. An Ignoratif fratrel? Scientibuf 8 ) enim legemloquor auoniam lex dominabitur homini quanto tempore uiuit.Mulier eNim quae fub uiro eft uiuente uiro uineta eft legi. quodfi mortuuf fuerit uir eiuf liberata eft a lege uiri. Ergo uiuen-te uiro . adultera erit fi duxerit alium uirum . Et') in alio loco . Mu-lier alligata eft. quanto tempore uiuit uir eiuf. Si autem -) dormierit uir[liberata eft. ]

*) Ein Teil des o weggerieben. 2 ) Der Kürzungsstrich nur mehr ganz schwach sichtbar. 3 ) Vgl.oben. 4 ) Zwischen Z. 4 und 7 eine spätere Federprobe: probatio. 5 ) ten über der Zeile ohne Einfügungs-zeichen. 6 ) Das noch schwach sichtbare a ist wohl absichtlich getilgt worden. 7 ) Das r am Schluss fastganz durch Wurmfrass getilgt. 8 ) Das c nachträglich eingefügt. 9 ) Vom t ist nur ein Stück des Quer-balkens noch zu sehen.