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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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Anhang. 257

an, mit denen Arthur Kopp seine Ausgabe des Pal. 343beschließt [Deutsche Texte des Mittelalters Bd. V]). Hier istdie Aufgabe wesentlich einfacher, die Überlieferungsgeschichteder Dichtungen im Zusammenhang mit ihren gesellschaftlichenHintergründen zu studieren. An dieser Stelle müßte einevergleichende Betrachtung einsetzen, um aus Übereinstim-mungen oder aus Unterschieden die literarische Situation derälteren Minnedichtung zu klären. Ein solcher Vergleich würde,glaube ich, die schiefe Beleuchtung, in die gerade auch dieWaltherschen Kreuzlieder gerückt worden sind, nicht habenmöglich werden lassen.

Anhang.

Walthers Kreuzlied 76, 22 nimmt stilistisch durchaus eineSonderstellung innerhalb der Kreuzlieder mittelhochdeutscherKunstdichtung ein. Die anderen stehen ihren Stilformen nachdem volksmäßigen Pilgerlied so fern, daß bei ihnen die Frage-stellung von vornherein kaum eine Ausbeute verspricht, diedas künstlerische Wesen jenes Waltherschen Liedes erhellte.Doch sei anhangsweise auf einen typischen Zug in ihnenhingewiesen, für den bislang die Deutung mangelt. Wolfram,der auf den Spuren von Diez (Poesie d. Troub. 2 S. 158) dasGedankengut der Kreuzlieder im wesentlichen aus der Kreuz-predigt hergeleitet hat, vermochte für ihn in diesem Bezirkkeine Anhaltspunkte zu finden (Zs. 30, 104 f.); er klingt übrigenshäufiger an, als Wolfram beobachtet hat. Es ist der Hinweisauf die Kürze des Lebens und der verwandte Gedanke an dasvielleicht nahe bevorstehende Ende: Diz kurze leben verswindet,Der tot uns süniic vindet sagt Walther 77, 4 t., ähnlich Dizkurze leben daz ist ein wint Heinrich von Rugge 97, 39; vgl.Dir sint diu jar gemezzen Walth. 77, 33. Nieman weiz wie naheim ist der tot sagt Friedrich von Husen 46, 28, ähnlich niemanweiz wie lange er lebet Heinrich von Rugge 99, 15. Die ersteWaltherstelle zeigt deutlich, was zu solcher Erinnerung ruft:es ist die Sorge um einen bußelosen Tod, um ein Ende in Sünden.Und so reihen sich an diese Stellen weitere an, die unmittelbarvon diesem Ende sprechen: über Walther 78, 6 ff. wurde obengehandelt; vgl. dazu Und wer sol ime ze helfe komen an sinem

Hübner, Geißlerlieder. 17