Druckschrift 
Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
Seite
6
Einzelbild herunterladen
 

I. Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen

Geißle rliedes.

i. Die geschichtliche Erscheinung des Geißlertums.

Es ist gut ein Jahrhundert her, daß die bis heute grund-legende Arbeit über die mittelalterlichen Geißler erschienen ist;es ist das sehr gelehrte Werk von Ernst Günther Förste-mann 'Die christlichen Geißlergesellschaften' (Halle 1828), dasdie historischen Zeugnisse für die europäische Geißlerbewegungmit großer Vollständigkeit zusammenträgt, freilich über solcheSammelarbeit noch nicht weit hinauskommt. Förstemann lenktseinen Blick auch auf die Lieder der Geißler und vermerktvielfach die entsprechenden Nachrichten. Aber auch abgesehendavon, daß ihm die wichtigsten Quellen für die Geißlerliedernoch fremd blieben, es fehlt natürlich die ausgesprochenliterarhistorische Fragestellung. So blieb es lange Zeit in denUntersuchungen über die Geißler, mochten sie von Historikernoder Theologen ausgehen *). Wandel schuf erst die ungeahnteBereicherung, die unsere Kenntnis der deutschen Geißlerliederdurch die Erschließung der Hauptquelle, der Chronik Hugosvon Reutlingen, im Jahre 1880 gewann. Aber man begnügtesich zunächst mit Publikationen (vgl. S. 94). Und erst die

') Man findet die Literatur auch über die deutschen Geißler mit großerVollständigkeit in dem vortrefflichen Artikel von Hermann Haupt 'Kirch-liche Geißelung und Geißlerbruderschaften' in Herzogs Realenzykl. f. protest.Theol. u. Kirche 6, 432 ff. Als die für unsere Zwecke wichtigsten hebe ichfolgende im Verlauf der Arbeit öfter genannte Untersuchungen hervor: Her-mann Haupt, Zur Geschichte der Geißler, Zeitschr. f. Kirchengesch. 9 (1888),114 ff.; derselbe, Die religiösen Sekten in Franken vor der Reformation, Würz-burg 1882; Robert Hoeniger, Der schwarze Tod in Deutschland, Berlin1882; Karl Lechner, Die große Geißelfahrt des Jahres 1349, Histor. Jahrbuchd. Görresgesellsch. 5 (1884), 4370.; J. Zacher, Artikel 'Geißler' bei Ersch-Gruber, Realenzykl. I 56, 242 ff.; nur diese letzte Arbeit zeigt ein stärkeresliterarhistorisches Interesse.