256 Rückschlüsse.
weise so gut erhaltenen Gestalt dar, daß ich Bedenken tragenwürde, den Volksmund als Vermittler anzunehmen, ganz ab-gesehen davon, daß schon die Bewahrung des Verfassernamensin der Würzburger Handschrift in eine andere Sphäre weistals die volksliedhafter Überlieferung im gewöhnlichen Ver-stände.
Auch Carl von Kraus hat den Gedanken erwogen, wie-weit Beliebtheit und Verbreitung von Minneliedern für denunterschiedlich verderbten Überlieferungsstand verantwortlichzu machen sei: er stand bei Morungen vor der Tatsache, daßdie schönsten (also wohl auch beliebtesten) Lieder im einzelnenam meisten geschädigt sind. Aber er zog vorsichtig nur denSchluß: 'So sehen wir solche Lieder gewissermaßen auf derersten Station des Leidensweges zum Volksliede' (Zuden Liedern Heinrichs von Morungen, Berlin 1916, S. 4).
Wir sehen ja über die äußeren Lebensbedingungen derhöfischen Lyrik leider nicht hinreichend klar. Es fehlt unsschon eine sichere Vorstellung von den Verbreitungsformendieser Lieder, nicht minder aber tappen wir im Dunkeln, wasden Verbreitungskreis anlangt. Daß er auch sozial tiefereSchichten ergriffen hat, lehrt die Geschichte des Minneliedesim späteren Mittelalter; aber die Frage ist noch offen, in welchemTempo und auf welchen Wegen die Minnedichtung die Schichtendurchschritt. Es liegt auf der Hand, wie wichtig eine Einsichtin diese Dinge für das Verständnis der Textgeschichte und diekritische Beurteilung der Überlieferung wäre; und vielleichtist es ein Mangel der seitherigen Beschäftigung mit der Minne-dichtung, auch der textkritischen Forschung, daß sie sich dengesellschaftlichen Lebensboden dieser Dichtung nicht hinreichendanschaulich zu machen versucht hat. Gewiß werden damitFragen aufgeworfen, bei denen zweifelhaft sein kann, ob jeeine befriedigende Antwort zu erwarten ist. Ein Deute-mittel aber sollte man nicht ungenutzt lassen, das ist die Lied-überlieferung der frühneuhochdeutschen Zeit. Die großenSammlungen der sogenannten Gesellschaftslieder des 16. Jhs.weisen Verhältnisse auf, die äußerlich in manchem durchausdem Überlieferungsbild vergleichbar sind, vor das die großenMinnesängerhandschriften uns stellen: in beiden Fällen dieTatsache, daß die Liederhandschriften oder -bücher weithindasselbe Liedergut darbieten (man sehe einmal die Tabellen