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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
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III. Rückschlüsse.

Die ersten Stadien der Entwicklung des deutschen Pilger-liedes verlieren sich für uns im Dunkel. Denn das Pilgerlied ist,wie kaum eine andere Gattung geistlicher Volkspoesie, Volks-lied im strengsten Sinne des Wortes gewesen und fand als sol-ches bis in die spätere mittelhochdeutsche Zeit hinein nicht denWeg aufs Pergament. Wir wollen dabei dem Begriff 'Pilgerlied'einen weiten Umfang geben und unter ihm solche Lieder ver-stehen, die das Volk gemeinsam bei geistlichen Umgängen undFahrten aller Art zu singen pflegte. An sich möchte man, ausinneren Gründen, gerade dies Pilgerlied als ältesten Bestandteilgeistlicher Volkspoesie ansehen und sein Aufkommen bis frühin die althochdeutsche Zeit zurückrücken. Denn Prozessionenund Wallfahrten bedürfen seiner; es ist das einzige Element,das solchen gemeinsamen Zügen religiös angespannter Menschennicht nur Rythmus und Zusammenhalt, sondern auch dieMöglichkeit seelischer Entladung gibt.

Prüft man die Zeugnisse, wie sie Hoff mann von Fallers-ieben in seiner 'Geschichte des deutschen Kirchenliedes' gesam-melt hat, so ergibt sich, daß es sich in den allermeisten Fällenum prozessionsähnliche Aufzüge irgendwelcher Art handelt, wosich die Anfänge religiösen Volksgesanges beobachten lassen;von Leichenbegängnissen, Reliquieneinholungen, Bittprozessio-nen, Kirchgängen ist da die Rede. Aber wir hören nichts vonProzessionsliedern des Volkes; die Zeugnisse wissen vielmehr,und zwar einhellig, nur zu melden, daß ein Kyrie eleison, z. T.im Wechsel mit Christe eleison, den Gesang des Volkes ausmachte.Hoffmann von Fallersleben glaubt daraufhin feststellen zu müs-sen, daß bis zum 10. Jahrhundert der religiöse Volksgesang derDeutschen über das Rufen dieser Worte nicht hinausging.

Franz Jostes, streitlustig und extrem wie stets, hatwidersprochen x ). Seiner Ansicht nach haben die Worte Kyrie

x ) Kyrieleison, eene Studie over het ontstaan van het duitsche vers doofProf. Dr. Franz Jostes, Gent 1908.