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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
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Einführung.

Kaum eine Frage ist für die mittelhochdeutsche Literatur-geschichte schwerer zu beantworten als die Frage des Publikums,und kaum eine ist wichtiger für ein rundes Verständnis unsereralten Dichtung. Literatur ist ja nicht nur eine Angelegenheitder Schaffenden, sondern auch der Aufnehmenden. IhreGestalt ist nicht nur bestimmt durch den einen und einsamenWillen des Dichters, sondern der äußere Zweck der Dichtung,der Kreis der sie aufnehmen soll, die Aufgabe die sie in diesemKreise zu erfüllen hat, das Publikum also, wenn wir das Wortin diesem weiten Verstände nehmen, formt entscheidend anihr mit. Das gilt doppelt für eine Literatur, die den Begriffdes auf sich gestellten Dichters noch nicht kennt, sondernüberall Zwecken folgt und Dienst verrichten will. Der Gedankeder Gebrauchskunst, in der Betrachtung mittelalterlicherMalerei und Plastik längst selbstverständlich, verlangt seinesinngerechte Anwendung auch auf die Literatur. Wir müssensie in viel höherem Maße als bislang geschieht, als Gesellschafts-dichtung sehen lernen, im Sinne einer auf die Ansprüche undBedürfnisse bestimmter Kreise sich einrichtenden Dichtung.Das Verständnis der mittelhochdeutschen Liederdichtung zumalhängt zu guten Teilen am rechten Begreifen des Publikums,das Wort in diesem umfassenden Sinn genommen. Die Frageder Liederzyklen etwa beim einzelnen Dichter oder die Frageaufeinander abgestimmter oder gegeneinander gestellter Liederbei einem Dichterpaar wie Reinmar dem Alten und Walthervon der Vogelweide, aber auch eine tiefer greifende Frage wiedie nach dem ethischen Gehalt und der erzieherischen Bedeutungder Minnelieder, sie alle werden solange nur unbefriedigendzu beantworten sein, als es nicht möglich ist, die übergeordneteFrage zu klären: Wie steht es mit der Lebensbezogenheitdieser Dichtung, mit ihrem rein äußeren Dasein, mit ihrer

H ü b n e r , Geißlerlieder. 1