Die Kreuzlieder Walthers von der Vogelweide. 255
"bedurfte es eines geschulteren Sinnes, um mit dem Walther-schen Kreuzliede zurechtzukommen, das bei aller Anlehnungan das Pilgerlied doch ebenso deutlich über diese Form hinaus-strebt. Es mag für den Kreuzzug bestimmt gewesen sein, indem Sinne, daß es von einem ritterlichen Herrn oder einemSpielmann vorgesungen wurde, aber daß es ein 'Gesang desKreuzheeres' war, also vom Kunstliede zum Volkslied wurde,das bedürfte erst eines Beweises, der schwer zu führen seinwird.
Der Zweifel, der sich hier regt, verstärkt sich bei dem LiedeAllererst leb ich mir werde, wenn auch das als 'für den Gesangder Menge bestimmt' hingestellt wird (Wolfram Zs. 30, 96).Auch Schönbach neigte dieser Meinung zu (Walther4 S. 184).Hier heißt es ganz gewiß den Dichter mißverstehen, wenn manihm unterlegt, daß er einen Gemeingesang habe schaffen wollen;schon die Ich-Form spricht dagegen. Und richtiger sieht R i e g e rdie Dinge (Zs. 46, 382), wenn er das Lied 'als Vortrag eineseinzelnen Sängers gedacht' sein läßt; nur daß er irrt, wenner es als Zeugnis für die Anwesenheit des Dichters im heiligenLande nimmt. Wilmanns (LebenS. 225) glaubt aber immerhin,aus dem Zustande der Überlieferung des Liedes den Schlußziehen zu können, daß es Volkslied geworden sei: die Ent-stellungen, die es in den Handschriften erfahren hat, so meinter, erweisen es, daß die handschriftliche Überlieferung 'durchden Mund des Volkes gegangen war'. Er findet die volkstüm-lichste Form des Gedichtes in der Weingartner Handschrift(Leben S. 453f., Anm. 103, wo aber irrige Angaben über denStrophenbestand des Liedes in D gemacht sind). Demgegenüberist indessen zu betonen, daß dem Liede in B, abgesehen vomstrophischen Bestände, alle Merkmale echter Volksläufigkeitfehlen: die Strophen sind in sich, ihrem ursprünglichen Vers-bestande nach, völlig intakt, die echten Reime sind ausnahmsloshewahrt; keine Spuren von Aushöhlung oder Verschmelzunginnerhalb der Strophen treten auf. Kein Zweifel, daß dasLied wesentlich anders aussehen müßte, wenn es ein lebendigesKreuzfahrerlied gewesen wäre und 'durch den Mund des Volkes'seinen Weg in die Handschrift gefunden hätte. Selbst die inner-lich jüngere und entstelltere Fassung in der Würzburger Hand-schrift bietet, obgleich um mehr als ein Jahrhundert vomOriginal entfernt, die echte Dichtung noch in einer Vergleichs-