Die Kieuzlieder Walthers von der Vogelweide. 253
heit 76, 25 undErbarm dich über die krislenhcit (Lied III 2); Jesusdurch diner namen dri Du mach uns, herre, vor Sünden vri heißtes in der Geißlerliturgie und mannigfach ähnlich in späterenLiedern (s. S. 119); vgl. bei Walther Dur diner namen ere Ladich erbarmen, Krist 78, 18 f. Auch der leeser uz den Sünden76,30 gehört hierher; aus den Geißlerleisen vergleicht sichDaz er uns lös von aller not Lied III 11 und Du mach uns, herre,vor sünden vri Lied I 44; aber auch der leeser erscheint formel-haft im geistlichen Volksliede, s. S. 178. Kristes wunden yy, 9kennen auch zwei Kreuzlieder aus dem Herzog Ernst (späterin einer festen Schlagzeile des religiösen Volksliedes, s. S. 119),wie ich denn auch in 77, 23 Erlassen wir daz grap eine Erinnerungan den durch ebenjenes Lied und sonst bezeugten Kreuzfahrer-ruf Nu helf uns daz heilige grap sehen möchte (vgl. Lachmannzur Stelle). Aber über solche Einzelheiten hinweg erinnertnoch ein anderes an den Stil des religiösen Volksliedes, das istdas eigentümlich Zusammenhanglose in der Gedankenführungund im Aufbau des Waltherschen Liedes. Gegenüber dieserlockeren Fügung ist gar nichts gewonnen, wenn man mit Riegerdas Kreuzlied in vier Einzellieder zerlegt; denn diese Locker-heit sitzt ja auch in den einzelnen Strophen. Das synkreti-stische religiöse Volkslied aber arbeitet seinem Wesen nachähnlich mosaikartig, ähnlich bindungslos: Assoziationen, zu-weilen kaum nachzuempfinden, müssen oft den klaren ge-danklichen Fortgang des Inhalts ersetzen.
Ich schließe also für das Kreuzlied auf eine bewußtestilistische Anlehnung Walthers an die Art des Pilgerliedes alsreligiösen Volksliedes, entfernt vergleichbar der Art, wie ernach Carl von Kraus' schönem Nachweis in der ElegieAnlehnung an die Form des österreichischen Heldenepossuchte '). So würde ich es auch deuten, wenn in dem Liedepolitische Dinge mit keinem Wort berührt werden. Damitläßt sich chronologisch gar nichts anfangen (vgl. Wilmanns,Leben S. 226), das hat einfach Gründe des Stils.
Auf einem ganz anderen Blatt steht die Frage, ob das Liedals Pilgerlied gedichtet und zum Pilgerlied geworden ist. Man
') Hier scheint sich ein fester Haltepunkt für eine vielerörterte Fragedarzubieten: ob und wieweit man bei einem Dichter wie Walther mit derBenutzung volksmäßiger Lyrik weltlichen Inhalts rechnen darf.