252 Rückschlüsse.
Aber nicht nur dieser Stropheneingang führt von dem für einKreuzlied nahe- und bereitliegenden Gedankengut ein wenigab; es fällt auf, wie stark das Lied im ganzen ähnliche Vor-stellungen und Empfindungen, die Sorge vor dem sündigenEnde, Gottes Hilfe gegen den Teufel, das Bangen vor der Hölleund um den Himmel, in den Vordergrund treten läßt. Hiersind stoffliche Berührungen mit zeitgenössischen Pilger- resp.Wallfahrtsliedern zu vermuten, sofern man überhaupt ausjüngeren Liedern Rückschlüsse auf den Charakter des geist-lichen Volksliedes des 13. Jhs. ziehen darf; man vergleicheetwa das Geißlerlied 'Maria muoter reiniu meit' oder diezweite Hälfte des Leises 'In gotes namen varen wir' in derFassung vom Jahre 1422 (Hoffmann v. Fall. S. 72 f.).
Aber wichtiger als ein solches stoffliches Zusammengehensind Stil und Formelsprache des Kreuzliedes. Nicht wenigerals fünfzehn Anrufungen enthält das Lied, zehn sind an dieGottheit, fünf an die Kreuzfahrer gerichtet. Das ist der im-perativische Stil des Pilgerliedes (vgl. wieder das Geißlerlied'Maria muoter reiniu meit'). Nu helf uns der heilant oder Nuhelf uns die gotes kraft sagt das geistliche Volkslied, und ähnlicheZeilen sind sicher uralt. Walther umschreibt: Got sol uns helfeerzeigen 77, 1, oder Got, dine helfe uns sende 78, 4; fünfmalsind die Anrufungen mit dem Begriff des Helfens gefüllt, derauch im Pilgerliede vorherrscht (vgl. alle drei Lieder ausdem Herzog Ernst S. 235 f.). Wenn übrigens die göttlichenPersonen innerhalb dieser Anrufungen wechseln, auch Mariaund der heiliggeist erscheinen, darf man vielleicht an das geist-liche Volkslied mit seinem Hange zu litaneihaftem Wechselder Angerufenen erinnern. Schwerlich hat Mettin recht, wenner in der Anrufung Mariens 'eine Konzession an das religiöseGefühl der Zeit' sieht (Beitr. 18, 538); wieder liefern die Geißler-lieder, etwa der Einzugsleis, Parallelen. Im übrigen klingengerade einige der allerhäufigsten Zeilen aus jüngeren Waller-liedern in dem Kreuzliede an, man vergleiche Bewar die kristen-
ständiges Kreuzfahrerlied einzuleiten: sie hat ihren natürlichen Platz amAusgang eines größeren Liedzusammenhanges. Ebenso wird man die breit-ausladende Anrufung Gottes zu Beginn der ersten Strophe als Einleitungeines größeren Liedgebildes nehmen müssen; sie steht in sehr fühlbarem Gegen-satz zum Eingang der zweiten und dritten Strophe: wie die letztere anhebt,kann kaum ein selbständiges Lied begonnen haben.