Die Kreuzlieder Walthers von der Vogelweide. 251
von der althochdeutschen Zeit bis heute: so paßt er sich demMarschschritt an. Die Leise des 14. Jhs. bevorzugen denstumpfen Ausgang, aber sie scheuen auch vierhebig klingendeVerse nicht. Halten wir uns an den sichersten Fall, den Leis'In gotes namen varen wir', so scheint auch schon für das älterePilgerlied diese Bevorzugung des stumpfen Vierhebers gegoltenzu haben. Walthers Lied dagegen steht auf sog. dreihebigklingenden Versen; nur jeder vierte Vers geht stumpf aus undpausiert den vierten Takt. So weist also der äußere Strophen-rahmen des Kreuzliedes leichte Unterschiede gegenüber demPilgerliede auf. Das hat zur Folge, daß eine wortwörtlicheZeilenübernahme erschwert ist. Zudem wären solche wört-lichen Entlehnungen dem Dichter Walther kaum gemäß.Aber trotz dieser mehrfachen Erschwerung der Beweis-führung bleiben ganz greifbare Anhaltspunkte. Berthold vonRegensburg zitiert als geistliches Volkslied (1,43):Nu biten wir den heiligen geistUmb den rehten glouben aller meist,Daz er uns behüete an unserm ende,So wir heim suln varn uz disem eilende.Kyrieleis.Daß diese Verse auch im Pilgerliede ihre Rolle spielten, er-weist der Ausgang des Einzugsleises der Geißler in der FassungHugos von Reutlingen (s. S. 176). Walthers Kreuzlied sagtin der letzten Strophe:
Bewar uns an dem ende,So uns der geist verlat,Vor helleheizen wallen.Es sind weniger Anklänge im Wortlaut, die hier von Belangsind, als vielmehr die Tatsache, daß die Schlußstrophe desLiedes breit und stark mit einem Gedanken einsetzt, wie ersich aus dem Kreuzliede nicht ohne weiteres versteht, wie eraber zum eisernen Bestände des Pilgerliedes und verwandterpoetischer Formen gehört: oft gipfelt das religiöse Volksliedin solcher Bitte und mündet in sie aus. Man beachte übrigens,daß ähnlich wie der obige Leis auch das Kreuzlied in den Versen77, 30 ff. den Glauben und das Sterben zusammenrückt 1 ).
') Von hier aus ergibt sich auch ein Einwand gegen Riegers Versuch(Zs. f. d. Alt. 46, 381), das Kreuzlied in vier Einzellieder aufzulösen. Einesolche Bitte um Beistand beim Ende ist schwerlich geschickt, um ein selb-