Turpins Rede im Rolandslied. 949
der wie im kunstmäßigen, auch im volksmäßigen Kreuzfahrer-liede nicht fehlt (vgl. Herzog Ernst 2293). Und zu dem Aus-gang der Rede 3294 ff. vergleiche man den Schluß des erstenLeises aus dem Herzog Ernst: {hilf uns,) Das wir frolichenwerden funden Da süsse ist der enget don, In dime riche.G. Wolfram hat Zs. f. d. Alt. 30, 89 ff. den Nachweis geführt,daß die kunstmäßigen Kreuzlieder des 12. und 13. Jahrh.sinhaltlich aufs stärkste von den Kreuzpredigten bestimmt sind.Die Rede Turpins im Rolandsliede bietet, wenn man will, denältesten Beleg für den Zusammenhang von Kreuzlied undKreuzpredigt. Denn dem Inhalt nach nährt sich diese Rede deut-lich aus Liedelementen; stilistisch dagegen ist sie offenbar alsein Stück Predigt gemeint. Daher doch wohl die gutenteilsanaphorische Wiederholung des Mute Satz für Satz. Diesemrhetorischen Mittel zuliebe wird 3288 eine Liedformel ein wenig•schief gebogen. Auf seine Rechnung kommt auch das Zitat3290. Das formal Bestimmende des Stückes stammt also ausden Bezirken der Rede. Das genügt zum Beweis dafür, daßkein konkretes Einzellied den Ausgangspunkt des Dichtersbildet, — sofern es solches Beweises überhaupt bedarf.
Man würde an sich bei den Kreuzfahrerscharen des 11. Jhs.ähnliche Leise voraussetzen, wie sie uns erst bei denen des12. Jhs. einigermaßen greifbar werden. Denn die Tradition istbei solchen Gebilden außerordentlich zäh, wie z. B. die Schlage-formel der Geißlerliturgie lehrt. Nun schlägt das Rolandslieddie erwünschte Brücke.
Daß die Kreuzlieder der mittelhochdeutschen Lyrikernicht ohne weiteres biographisch ausgemünzt werden dürfen,sondern daß auch hier ein literarischer Typus waltet, so gutwie bei den anderen Gattungen mittelhochdeutscher Lyrik,dürfte heute nicht mehr ernstlich bestritten werden. Damitsoll natürlich nicht gesagt sein, daß man nicht ein Recht hätte,das einzelne Stück historisch zu beziehen und unter Umständenals Zeugnis für die Teilnahme seines Verfassers an einem Kreuz-zug zu bewerten; es soll nur betont werden, daß wir auch diesenDichtungen gegenüber verpflichtet sind, ernstlich die Fragezu prüfen: Was ist aus der geschichtlichen Situation herzuleitenund Erlebnisgehalt, und was ist Ausdruck und Wirkung desliterarischen Vorbildes, formaler Tradition ?