244 Rückschlüsse.
sind nicht erkannt; es wird ein Lied noch als Individualliedgewertet, das schon ein jahrhundertelanges Volksliedlebenhinter sich hat.
Die ganze Abwegigkeit der Mettinschen Untersuchungenthüllt sich am drastischsten an jener Stelle, wo er die Summezieht (S. 282): der poetische Wert der Pilgerlieder, sagt er,sei einerseits so gering, daß man keinem der berühmterenDichter die Verfasserschaft zumuten könne; einem Manne aberaus der Menge, einem Wallfahrer selbst sie zuzuschreiben ver-biete die von ihm erwiesene Bekanntschaft mit Bibel undKirchenlied; so blieben denn nur Geistliche als Verfasser übrig.Der springende Punkt ist eben, daß bei diesen Pilgerliedernmit dem einen Verfasser, der für jede Zeile verantwortlich zumachen ist, nicht mit der Selbstverständlichkeit gerechnetwerden darf, wie bei einem Kunstliede, das frisch aus der Handseines Schöpfers kommt. Die Frage des Verfassers will vielmehrbei diesen poetischen Gebilden als echten Volksliedern auf einebesondere Art angegriffen werden, und sie ist nicht die wichtigste.Gerade die unindividuellen Elemente im Aufbau dieser Liederherauszuholen, die Tatsache der wechselseitigen Verflechtungund Verfitzung, diesen hervorstechendsten Zug echter Volks-läufigkeit, zu erkennen, darauf kommt es an.
Eine große frühmittelhochdeutsche Dichtung wird viel-fach in den Bereich der Kreuzzugslieder gerückt, das istEzzos Gesang. So umstritten das Werk ist, über einenPunkt herrscht weitgehende Übereinstimmung, daß nämlichdas Lied auf der Kreuzfahrt der Jahre 1064/65 von den Pilgerngesungen worden sei (Ehrismann Gesch. d. dtsch. Lit. 2, 1,S. 44 f.; Vogt Gesch. d. mhd. Lit. S. 28). Und in abgeleitetenDarstellungen ist es geradezu zum 'Volkslied' geworden (H. J.Moser Gesch. d. dtsch. Mus.4 1, 219). Aber die Auffassungvon Ezzos Gesang als Pilgerlied steht auf sehr schwachen Füßen.Die Vita Altmanni meldet bekanntlich: inter quos (den ausge-zeichneten Teilnehmern der Kreuzfahrt) praecipui duo canoniciextiterunt, videlicet Ezzo scolasticus, vir omni sapientia et elo-qnentia praeditus, qui in eodem itinere cantilenam de miraculisChristi patria Lingua nobiliter composuit, et Cncnradus omniscientia et facundia ornatus, qui postea in nostro loco canonicispraelatus praepositus fuit Mon. Germ. SS. 12, 230. Man hat