234 Rückschlüsse.
den das Clemens accifie (vota precantum) herbeizieht, hat es nichtszu tun. Es gibt überdies Litaneien, die auch in der Füllungdieser Gerippzeile dem Petruslied ganz nahe kommen: ut nobismisereri digneris sagt eine alte anglikanische Litanei bei Mabülon,Veterum analectorum tom. II (1676), S. 676. Auch sonstnähert sich das Petruslied der Haltung eines Prozessionsliedes,wie die Litanei es darstellt. Es hat den wir-Stil; und Zeilenwie 1, 3 f. daz er mac ginerian ze imo dingenten man entsprechendem Ton der Litanei. Wir haben also ein Kunstlied vor uns,das mit Bewußtheit einen ganz anderen Stil sucht als das Gallus-und das Georgslied: der Stil des Hymnus und der der Litaneisind in ihm, äußerlich und innerlich, eine eigentümliche Ver-bindung eingegangen.
Was die Lebensform des Petrusliedes anlangt, so verstehtman es gewöhnlich als Wechselgesang zwischen Geistlichenund Volk in der Weise, daß dem Volk lediglich der Kehrreimzufiel. Das entspricht gewiß am meisten der entwicklungs-geschichtlichen Situation. Trotzdem glaube ich, daß es seingeistlicher Verfasser wenigstens gemeint hat als ein 'carmenbarbaricum populo canendum': in diese Richtung weist seinGestaltungswille. Auch die knappe Fassung des Ganzen istvon Bedeutung; das scheint die Anpassung an einen Zustandzu sein, der umfänglichere deutsche Pilgerlieder noch nichtkannte. Gleichwohl sollte man beim Petrusliede nicht voneinem 'religiösen Volksgesang' sprechen. Bestenfalls dürfenwir es potentiell als ein religiöses Volkslied bezeichnen, wieso manches Lied von Uhland und Eichendorff nur potentiell,nicht in Wirklichkeit ein Volkslied ist. Um Sichreres zu sagen,müßten wir vor allem wissen, ob es im 9. Jahrhundert schonvölligere Formen eines deutschen Pilgerliedes gegeben hat alsden bloßen Kyrie-Ruf. Das aber läßt sich nicht ausmachen,obgleich der Ausgang des Petrusliedes selbst einen Fingerzeigzu bieten scheint. Die Zeile daz er uns firtanen giwerdo ginadendeckt sich bekanntlich genau mit Otfr. 1, 7, 28. Schon beiMüllenhoff-Scherer Denkm. 2, 62 ist die Vermutung ausge-sprochen, daß der gemeinsame Vers 'aus einem älteren Gebetoder Bittgesang' herzuleiten sei. Nun erwiesen ist, daß dieZeile einfach aus der Litanei übersetzt ist, wäre ein denkbarpaßrechtes Vorbild als gemeinsame Quelle gewonnen: eindeutsches religiöses Volkslied, eben eine irgendwie geartete,