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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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232 Rückschlüsse.

S. Galli von Bedeutung, die man mit jener Angabe über Ratpertverknüpfen muß. Ekkehart sagt über den hl. Ulrich: Nequeenim miramur, eos cum quibus in saeculo versatus est, ea quae cumspiritalibus gessü, quid minus sciverant, non scripsisse. Sed pluraeos, quae de eo concinnantur vulgo et canuntur, tacuisse, cuminfima quaedam eius magna fecerint, etiam miramur Mon. Germ.SS. 2, io8f. Ekkehart kannte also ein Ulrichslied, das vermut-lich, stark auftragend und ziemlich breit gehalten, von den Wun-dertaten des Heiligen gehandelt hat (vgl. Hoffmann v. Fall. S. 25).Es ist nicht zu ermitteln, in welchem Sinn und welchem Umfangdies Ulrichslied ein geistliches Volkslied war; möglicherweisedarf man an ein Prozessionslied denken. Aber mag das Ulrichs-lied schon Gemeingesang gewesen sein, für das Galluslied er-weist die späte Angabe Ekkeharts nichts derart. Es heißt siezu gewichtig nehmen, wenn man in ihr Ratperts Absicht ein'chorisches Volkslied' zu machen, verbrieft sieht (Koegel 2,in). Anderseits ist freilich nicht zu bezweifeln, daß das Gallus-lied wirklich im Gesang gelebt hat. Das erhärtet die veränderteFassung der prosaischen Vorrede in den Hss. BC, die wichtigerist als die meist zitierte von A: Ratpertus . . . jecit et Carmenbarbaricum de sancto Gallo cantitandum, quod postea fratrumquidam, cum rarescere qui id saperent, videret, ut tarn dulcismelodia latine luderet, quam proxime potuit, transferens, talibusoperam impendit Mon. Germ. SS. 2, 33). Über die Schicht undden Umkreis aber, in denen das Galluslied sich über mehr alsein Jahrhundert lebendig erhalten hat, besagt auch diese Angabenichts. Man wird kaum fehlgehen, wenn man den Kreis derSänger ziemlich eng um die klösterliche Gesangsschule herum-zieht. Ähnlich liegen die Dinge, unter dem Gesichtspunkt desVolksliedes gesehen, beim Georgsliede; auch hier die Dichtungeines Geistlichen, die ein Jahrhundert nach der Entstehungvon einem andern Geistlichen aufgezeichnet wurde, vielleichtaus der Erinnerung, gewiß nachdem das Stück die Stufe reingedächtnismäßiger Weitergabe durchlaufen hatte.

Wir stehen vor einem Bilde, wie es der Volksliedforscherähnlich immer wieder zu sehen gewöhnt ist: auf der einen Seiteein wurzelechtes geistliches Volkslied, das sich aus der Litaneizu entwickeln beginnt, auf der andern Seite geistliche Kunst-dichtung, die aufs Volk abzielt, aber erst der Rezeption durchdas Volk bedürfte, um Volksgesang zu werden. Damit ist zu-