Gallus- und Georgslied. 2^1
des heiligo verantwortlich ist. Es mag aber auch die Rufformheljent uns alle heiligen im Spiele sein.
Deutlich ist nach allem, daß aus der lateinischen Litaneideutsche Rufe entstanden, die man in strengem Sinn als volks-liedhaft bezeichnen kann, insofern als die schlichten deutschenZeilen sich fast triebhaft von dem lateinischen Grunde lösenund alsbald ein elementares Volkslieddasein führen. Unsicherdagegen bleibt, wie weit die Entwicklung auf dieser Linie inalthochdeutscher Zeit gediehen ist. Es ist an sich denkbar, daßbereits die althochdeutsche Zeit ein deutsches Pilgerlied kannte,das jenen primitiven Rahmen der Rufe überschritt. Aber eskönnte sich dabei kaum um mehr als wenige Zeilen gehandelthaben, wenigstens solange das an die Litanei sich anlehnendePilgerlied sich selbst treu blieb und als eigentlichstes Volksliedauf dem Wege vegetativer Wucherung wuchs. Erweisbarjedoch sind solche runderen Pilgerlieder nicht. Das undeutlicheet caetera in dem von Cosmas überlieferten Gesang genügt kaumzu ihrer Bewährung, auch nicht der Ausgang des Petrusliedesmit seinen Entlehnungen (s. u. S. 234).
Am wenigsten aber läßt sich für Dasein und Beschaffen-heit des volksliedhaften althochdeutschen Pilgerliedes aus dendeutschen Liedern vom hl. Gallus und hl. Georg gewinnen.An sich gehören Heiligenlieder zu den geläufigen Typen desProzessionsgesanges, sie sind schon um die Mitte des 12. Jahr-hunderts sicher bezeugt (Hoffmann v. Fall. S. 41). Und wennman sich jene althochdeutschen Stücke schon als 'Volkslieder'denken will, scheint sich gerade die Gattung des Prozessionsliedeszu empfehlen. Das läge immerhin näher als Koegels Ansicht,wonach Ratpert sich sein Lied zum Tanze gesungen dachte (Gesch.d. dtsch. Litt. 2, 112). Aber es hat mit dem Volksliedcharakterdieser Stücke ja überhaupt seine besondere Bewandtnis. Ekke-harts IV. bekannte Notiz im Codex Benedictionum (Hs. A) sagtvon Ratpert, dem Verfasser des Gallusliedes: fecit carmen bar-baricum fofiulo in laudem sancii Galli canendum. Das muß er-schlossen sein; denn unmittelbar konnte Ekkehart nicht wissen,zu welchem Zwecke Ratpert 150 Jahre früher sein Lied ge-schaffen hat. Und dieser Schluß muß sich darauf stützen, daßes zu Ekkeharts Zeit episch-historische deutsche Heiligenliedergab, die gesungen umliefen. In diesem Zusammenhang ist einezu wenig beachtete Notiz desselben Ekkehart in den Casus