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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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222 Die deutschen Geißlerlieder.

Die primitive Rufstrophe hat der üblichen dreiteiligen Platzgemacht; aber es ist mit Händen zu greifen, wie diese künst-lichere Strophe aus jener einfacheren erwachsen ist und ihrgegenüber zugleich Abstand und Nähe bewahrt. Nicht andersist es mit dem sprachlichen Stil des Stückes: auch hier bei allerAnlehnung, bei aller Nachahmung rufhafter Schlichtheit docheben eine andere Höhenlage der Sprache, ein Einwirken derAusdrucksformen, die der Kunstdichtung der Zeit gemäß waren.Das hindert freilich nicht, daß einzelne Zeilen wörtlich demRufe entlehnt werden oder sich seinen herkömmlichen Formu-lierungen aufs stärkste nähern (vgl. außer dem Eingang vonStr. i noch Str. 3, 5 Der aller weit ein leeser ist; Str. 4, 4 f. Derheilig geist der kern ez wol. Er kan wol würken waz er wil; Str. 4, 7Wan er ist aller gnaden vol; Str. 23, 2 So sint doch siner narrtendri; Str. 23, 6 Si machent uns von Sünden los; Str. 25, 7 Da dazhindiin was geborn; Str. 28, 7 Daz himelrich wart in ze Ion;Str. 36, 7 Unt vuoren an der enget schar). Kein Zweifel, hier wirdein volksmäßiger Ruf in eine andere dichterische Form umge-setzt, natürlich für ein anderes Publikum. Da wir Petersvon Arberg Große Tageweise in unmittelbare Abhängigkeit vonder Geißlerliturgie gebracht haben, lockt es, eine ebenso engeVerbindung zwischen seinem weihnachtlichen Tageliede unddem Leben-Jesu-Ruf der Geißler herzustellen; hier scheint sicheine Kette zu schließen. Aber obgleich sich die Zahl der Be-rührungen im einzelnen noch vermehren ließe, wir wollen nichtso weit gehen. Denn bei der Geißlerliturgie handelt es sich umein in seiner Weise einmaliges Stück, bei dem Leben-Jesu-Rufum den Repräsentanten einer Gattung. Und diese Gattung istes, die bei der Schöpfung Peters von Arberg Pate gestandenhat, wie sie als Gattung ihre Schatten auch in seine GroßeTageweise wirft.

Wir müssen die Rufe als eine feste Größe in die Literatur-geschichte des späteren Mittelalters einstellen, mag es sich umepische Stücke handeln wie Lied IV, um Bittrufe wie Lied IIIoder um ausgesprochene Wallfahrtslieder wie Lied II. Whbrauchen sie zum Verständnis höher geschichteter geistlicherLiederdichtung, die vielfach auf sie zurückgreift. Unter denLiedern der Mystiker z. B., die Hoff mann von FallerslebenKirchenl. S. 91 ff. veröffentlicht hat, beginnt das erste: