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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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221
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Die Bedeutung der Geißlerlieder. 221

noch schöner läßt sich die Volkstümlichkeit von Peters Dich-tung an seinem 'weihnachtlichen Tageliede' (Kochs S. 62) er-läutern; ich bin nach dem Sprachgebrauch des Stückesüberzeugt, daß es trotz der zwiespältigen Überlieferung Petervon Arberg zuzuweisen ist. Das 36 Strophen lange (und gleich-wohl nur als Bruchstück auf uns gekommene) Gedicht gibtder Kritik ja auch insofern Arbeit, als Unterschiede der Stoff-behandlung auf eine Kompilation zu deuten scheinen: eshandelt sich um ein christobiographisches Stück, das von derVerkündigung bis zum Kindleinmord reicht; merkwürdiger-weise aber wird die Geschichte vom Stern und den drei Königenin der Form eines Wächterliedes geboten, das den Wächter imZwiegespräch mit einem Juden zeigt. Gewiß wirkt das zunächstunorganisch; gleichwohl scheinen mir die Ausführungen vonKochs S. 62 f. erwägenswert, der die Einheit des ganzen vertritt.Aber wir können diese Frage auf sich beruhen lassen; denn fürden literarischen Gesamtcharakter des Stückes ist sie ohneBelang. Als ganzes genommen ist das Stück eine Kontrafaktur,freilich nicht eines weltlichen, sondern eines geistlichen Volks-liedes, und zwar eines geistlichen Volksliedes von der Art jenesJesu Kindheitsgeschichte enthaltenden Rufes, den Hugo vonReutlingen als Geißlerlied aufgezeichnet hat (Lied IV). Manbraucht nur den Eingang beider Lieder zu vergleichen, umebenso die Abhängigkeiten wie die Abweichungen Peters vonlener dichterischen Gattung zu erkennen:

3 Züz ir wart ain engel gsantDer waz Gabriel genant.

5 Der wart ir von got gesant.Er grüsd si minneclich zehant.

Lied IV, Str. 2 und 3.

Marien wart ein bot gesantvon himelrich in kurzer sttmt,Her Gabriel was er genant,er gruozte si uz reinem Munt:»Ave Maria künegin,von got soltu gegrüezet sin!«daz was ein saliklicher vunt.Str. 1 des Tageliedes nach v. d. Hagen Minnes. 3, 468".