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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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220 Die deutschen Geißlerlieder.

zwischen Volks- und Gesellschaftsliedern, eben um den Unter-schied des Publikums zu kennzeichnen, der in gewissen Grenzenauch ein Unterschied der Lebensformen des Liedes war. Wirmüssen uns gewöhnen, dieselben Unterscheidungen auch auf densogenannten geistlichen Volksgesang anzuwenden. Man weiß, wiegerade im 14. und 15. Jh. die Konventikelfrömmigkeit geblühthat, zumal in den mystischen Kloster- und Laiengemeinschaften.Das ist der eigentliche Boden für ein religiöses Lied gewesen, dasdie Mitte hielt zwischen dem geistlichen Kunstliede gewöhnlichmeistersingerischer Haltung und dem geistlichen Volksliede nachArt der Geißlerlieder. Dies geistliche Gesellschaftslied schlugdie Brücke von einem Ufer zum andern; es repräsentiert eineSchicht von Liedträgern, die sich gewiß auch schöpferisch be-tätigte und auch dabei notwendig ihre Mittelstellung zum Aus-druck brachte. Es würde sich lohnen, etwa den mystischenLiedbestand des ausgehenden Mittelalters einmal "unter diesemGesichtspunkt des geistlichen Gesellschaftsliedes zu unter-suchen. Selbstverständlich läßt sich bei geistlicher Dichtungso wenig wie bei weltlicher eine Grenze zwischen Gesellschafts-lied und Volkslied im besonderen Verstände ziehen. Und wenndie Große Tageweise, neben die Geißlerliturgie gehalten, unge-wöhnlich plastisch die Schichtenunterschiede innerhalb desgeistlichen Liedes zur Anschauung bringt, so zeugt sie auf derandern Seite von Wandlungen des geistlichen Gesellschafts-liedes, die die Unterschiede wieder mildern. Man brauchtnur die Varianten der Bartschschen Ausgabe der Tageweise zustudieren, um zu erkennen, wie einzelne Fassungen (AKa) dieruf artigen Einschläge des Liedes verstärken, also eine Annähe-rung an tiefere Schichten des geistlichen Liedes vollziehen.

Man pflegt die geistliche Liederdichtung des Peter vonArberg als 'volkstümlich' zu bezeichnen (Bartsch ADB 1, 511).Die Geißlerlieder gestatten es, diesen schwimmenden Begriffeinmal konkret zu fassen. Bei der Großen Tageweise ließ sichzeigen, was diese 'Volkstümlichkeit' eigentlich ist: ein Bauenauf dem Grunde eines echten geistlichen Volksliedes, ein Nützenvon Formen und Formeln aus der Sphäre des echten geistlichenVolksliedes. Aber man übersehe nicht, wie der Dichter bewußtAbstand hält. Das ist besonders fühlbar in den Strophen-schlüssen, die deutlich den volksmäßigen Ruf nachahmen, ihnaber doch in eine andere dichterische Ebene hinaufheben. Fast