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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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219
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Die Bedeutung der Geißlerlieder. 219

Schichtung statthaben. Wir besitzen ja in der Großen Tage-Weise des Peter von Arberg, wie oben gezeigt wurde, ein Stück,das sicherlich durch die Geißlerbewegung und wahrscheinlichdurch ein ausgesprochenes Geißlerlied ins Leben gerufen wurde, anders hätte damals auch ein Geistlicher nicht dichten kön-nen; man vergegenwärtige sich nur etwa die Lieder des Mönchsvon'Salzburg. Und diese Große Tageweise ist zum 'geistlichenVolkslied' geworden; aber neben den Geißlerliedern ist dasArtandere mit Händen zu greifen: es handelt sich bei derGroßen Tageweise, wenn man will, um eine Erneuerung derGeißlerliturgie auf einer anderen Ebene. Und eine andere Ebenemuß das Lied auch als Volkslied, wenigstens ursprünglich, inne-gehalten haben.

Das führt uns zu einem weiteren literarhistorischen Gewinn,den die Betrachtung der Geißlerlieder abwirft. Der Begriff desalten geistlichen Volksliedes muß verfeinert und gegliedertwerden. Liest man etwa in Hoffmanns von Fallersleben Ge-schichte des Kirchenliedes, die als Materialsammlung für diealte Zeit unschätzbar ist, den Abschnitt über das 14- Jahr-hundert, so steht man vor einem schwer erträglichen Durch-einander. Da wird das lange Osterlied Du lenze guot, des jarestiurste quarte, Zwar du bist manger lüste vol usw., ein starkmeistersingerisch gehaltenes Stück, in eine Ebene gestellt mitLiedern wie Cr ist ist entstanden Von des todes banden; denn esist 'in den Mund des Volkes übergegangen' (S. 78), ist 'unterdem Volke gesungen' worden (S. 81). Als Beweis dafür mußgelten, daß das Lied in mehreren Handschriften überliefertund vielfach in Gesangbüchern gedruckt worden ist. Abereine dieser Handschriften führt in ein Jungfrauenstift zu Liegnitz(S. 81, Anm. 16): das bezeichnet das Publikum dieser Art von'Volksliedern'. Die Große Tageweise des Peter von Arberg istaußer in Meisterliederhandschriften erhalten in handschrift-lichen Liedersammlungen vom Charakter des Werdener Lieder-buches (Jahrb. d. Ver. f. nd. Sprachf. 14, 85) und des Lieder-buches der Herzogin Amelia von Cleve (vgl. Zs. f. d. Phil. 22,403). Es ist klar, der Begriff des 'geistlichen Volksgesanges',den auch Kochs im Hinblick auf die Dichtungen Peters vonArberg verwendet (S. 59). bedarf einschränkender Interpretation,wenn er richtig bleiben soll. Wir haben auf dem Gebiete desweltlichen Liedes längst gelernt, einen Unterschied zu machen