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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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218 Die deutschen Geißlerlieder.

Hedes verkannt und seine Eigenwüchsigkeit überschätzt. Sehrviel richtiger urteilt Bäumker Kirchenl. i, 10: '(den Geißlern)einen besonderen Einfluß auf die Entwicklung des deutschengeistlichen Volksgesanges zuzuschreiben, scheint mir kaumgerechtfertigt zu sein; denn daß bei Bittfahrten deutsche Liedergesungen wurden, war nichts Ungewöhnliches'. Es war sogardas Allübliche. Darin gerade, daß die erhaltenen Geißlerlieder,in ihrer Auswahl und ihrem Aufbau, ein breit entwickeltesWallfahrtslied für das 14. Jh. erweisen und Schlüsse über seinAussehen gestatten, darin liegt das wesentliche ihrer literar-historischen Bedeutung. Sie bezeichnen keinen neuen Einsatz,sondern lassen nur ein schmales Stück aus der Entwicklungs-geschichte des echtesten geistlichen Volksliedes hellbeleuchtethervortreten, die sich sonst für jene Zeit noch im Schattenvollzog, unbeachtet von der literarischen Überlieferung.

Darum ist auch die Meinung Hoffmanns von Fallers-leben abwegig, die von andern aufgegriffen worden ist, die Kir-che hätte diesen Zug zum deutschen geistlichen Volksgesangenutzen müssen (Kirchenl. S. 74). Hoffmann wirft der Kircheetwas wie eine verpaßte Gelegenheit vor: damals hättendie Geistlichen 'Lieder in der Landessprache zu religiösem Ge-brauch für das Volk' dichten sollen; sie hätten, den Ketzernentgegen, rechtgläubige Lieder verfassen müssen; damals seidie Zeit gewesen, einen deutschen Kirchengesang zu schaffen.Man sieht, wie schief das alles ist, und zwar schief vor allemdeswegen, weil Hoffmann das Wesen des Volksliedes, genauerdes geistlichen Volksliedes, noch genauer des geistlichen Volks-liedes von der Art geißlerischer Prozessionslieder nicht scharfgenug faßte und noch nicht fassen konnte. Die Geistlichenhätten niemals etwas schaffen können, was diesen Liederngleichgeordnet war und den vermeintlichen neuen Ausbruchdes Volksgesanges im Jahre 1349 hätte auffangen und fort-leiten können. Sie brauchten es übrigens auch gar nicht; denndiese Lieder, längst vorhanden, pflanzten sich aus sich und insich fort. Es sind nicht nur die Unterschiede zwischen Volks-lied und Kunstlied, die da verkannt werden, sondern auch dieUnterschiede, die zwischen Volksliedern verschiedener Art und

der relig. Dichtung in Deutschland [1919] S. 52) die Dinge nicht: 'Die großeGeißlerbewegung von 1349 schenkt uns mehrere Lieder von Christi Leidenund Sterben'.