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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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212
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212 Die deutschen Gcißlerlieder.

Unßer vatter Abraham

Der waz eine biedderman.

Vor waz er ober uns,

Nu ist er under uns,

Stütze, Herman, stotze.et tunc transeunt ad cellam (Hs. ollam) commiscendo se sororcum fratre, pater cum filia et sie de aliis et tunc per istam flagella-cionem putant sibi fieri remissionem omnium peccatorum suofutft,ac si venirent de fönte baplismatis et quod non per confessionemsive sacerdotum absolucionem. Man möchte diese merkwürdigeStrophe nach dem Begleittext x ) am ehesten den Brüdern vomfreien Geiste zuweisen. Dahin würde auch der spirituale Hoch-mut von Zeile 3 f. passen, der sich über Abraham erhebt. Wenndie dunkle letzte Zeile obseön gemeint sein sollte, würde auch sieallenfalls eine solche Anknüpfung gestatten. Die Strophe wirdan sich zuverlässig überliefert sein, aber mit dem alten Geißler-wesen und seinen Liedern hat sie nichts mehr zu tun.

Endlich noch ein paar Worte über ein angeblicheslateinisches Geißlerlied. Hugo von Reutlingen hat ganzam Ende seiner Chronik den folgenden Marienhymnus zusammenmit einer sehr kunstvollen Melodie (von Runge S. 42 abgedruckt)eingetragen: Ave benedieta Maria, Jesu Christi mater et filia,flos pudoris, dos amoris, ros dulcoris. 0 Maria, celi via, virgocandens lilium, Stella maris appellaris, ora tuum filium. Sidussplendoris, mater salvatoris, tu dignare deprecare, virgo mater,filium, ne demergat, sed abstergat prorsus labern criminum. 0Maria omni plena gracia. Pfannenschmid mißversteht denSchluß vollkommen, wenn er labes als die Pest deutet (vgl-Phil. Aug. Becker Zs. f. rom. Phil. 25, 360 f.); und was erüber die Entstehung des Hymnus, über seinen Vortrag durcheinen 'kleinen Sängerchor' und seine Einschaltung in die Liturgiesagt (S. 178), ist reine Phantasie. Mit Recht hat sichBecker dagegen ausgesprochen, daß der Hymnus ein Geiß-lerlied sei. Ob man freilich jede Beziehung zum Geißler-tum leugnen darf, ist mir fraglich. Hugo von Reutlingen hatallerdings mit keinem Wort angedeutet, daß das Stück mit denGeißlern zu tun habe; aber die Tatsache gibt doch zu denken,

J ) Ähnliches wird in anderer Überlieferung als reines Schauermärchenerzählt, vgl. Förstemann S. 172 f.