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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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210 Die deutschen Geißlerlieder.

legenheit er ertönte: Auch songen si einen andern leisen, derwas also:

Ez ging sich unse frauwe.

Kyrieleison!Dez morgens in dem dauwe.

Alleluia! gelobet si Maria!

Da begente ir ein junge,Kyrieleison!

Sin bart was ime entsprungen.

Alleluia! gelobet si Maria! etc.Über den Charakter dieses Liedes kann kein Zweifel sein:Strophenrahmen und Kehrreim entsprechen vollkommen demLiede IV. Es muß sich also um einen vermutlich strophenreichenRuf epischen Inhalts gehandelt haben, der als Fahrtgesang,vielleicht beim Abzug nach vollbrachter Geißelübung, Verwen-dung fand. Pfannenschmid S. 187 f. denkt sich den Inhalt desLeises als eine Verkündigung und bringt die Strophen in Ver-bindung mit einer auch in Bruder Philipps Marienleben erzähltenLegende, wonach der verlobten Jungfrau einst in Nazarethauf einem Spaziergange ein Engel erschienen sei, ein Vorbotedes Verkündigungsengels, der sie drei Tage später heimsuchte.So ansprechend nach Lied IV der Gedanke ist, eine Verkündi-gung als Inhalt des Rufes anzunehmen, viel näher liegt eineandere Deutung. Aus dem 16. Jahrhundert ist ein Passionsliedüberliefert mit dem Anfang:

Es gieng unser liebe frawe

Zu morgens in das tawe,

Zu morgens in das grüne gras,

Vom külen taw da war sie naß.Böhme Altd. Liederb. S. 668, Nr. 559. Auch ihr begegnet einJüngling, Str. 3:

Zu morgens in dem grünen kle,

Es ging ein hirtlein vor ir her.Maria fragt ihn nach ihrem Sohn, und der Hirt erzählt ihr inDutzenden von Strophen die Geschichte von Jesu Passion:Str. 8:

Da namen sie gott den gueten

Und schlugen in mit geißeln und mit rueten,

Sie schlugen Christum den herren

Mit geißeln und mit rueten sere usw.