Fragmentarische Lieder und ferner stehende Stücke. 209
Treth herczu wer do bueßen wolle,Hueten wyr unß vor der heyßen helle.
deinde tribus vicibus extensis brachiis se ad terram prosternunt etdicunt istam oracionem:
Herre vater, Jhesu Crist,
Sint daß du alleyne bist
Der dy sunde kan vorgeben,
Frist uns uf eyn besßer leben.s Erbarme dich ober deyne kint,
Wan wyr yn großen sunden sint.
Dorch got vorgyßen wyr unser blut,
Daß ist vor dy sunde gut.Hier tritt in Zeile 2 f. die ketzerische Wendung gegen die Kirchenoch schärfer hervor, ganz im Einklang mit dem, was der 'primusarticulus' von einigen Himmelsbriefen berichtet: et tertia (sc.epistula) continebat, ut dicunt, quod dominus deus papam Roma-num, omnes episcopos, prelatos et sacerdotes omnibus autoritatibusprivavit. Im übrigen zeigt das Lied, wie stark im Laufe einesJahrhunderts Verschmelzung und Aushöhlung die Geißler-lieder von 1349 verändert haben. Voraussetzung ist freilich,daß die Überlieferung einen echten und zusammenhängendenText bietet; aber daran zu zweifeln liegt kein Grund vor.Geblieben ist diesen Kryptofiagellanten von dem alten Bestände,wie leicht verständlich, in erster Linie die Liturgie. Ihr Eingangist leidlich erhalten, und sie hat sichtlich noch mehr umfaßt alsdie überlieferten beiden Zeilen; aber der Ausdruck brevemoracionem macht es sehr unwahrscheinlich, daß etwa nochein Stück von mehreren zusammenhängenden Strophen vor-handen war. Und die oracio bei der dreimaligen genuflexio,dem Höhepunkt des Geißelaktes, ist aus Fetzen von drei altenLiedern zusammengewachsen. Denn Zeile 5 f. stammt aus LiedIII 3 f., und Zeile 7 f. ist eine gewichtige Stelle aus der Liturgie(R 14 f.). Der Zertrümmerung und Zerrüttung der großen Be-wegung von 1349 läuft eine Auflösung und Zersetzung ihresLiedbesitzes parallel.
Noch einen Leis (Lied VI) zitiert wenigstens nach seinenbeiden Eingangsstrophen die Limburger Chronik wieder im15- Kapitel, ohne etwas darüber auszusagen, bei welcher Ge-il üb n er, Geißlcrlicder. 14