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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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205
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Das Lied 'Maria unser vrouwe' (Lied IV). 205

für das 16. und 17. Jahrhundert über Art und Leben dieserForm des geistlichen Volksliedes erkennen läßt, nach demZeugnis unseres Rufes bereits für das 14. Jahrhundert gegoltenhaben muß. Denn es ist nicht in Zweifel zu ziehen, daß dieserRuf als Repräsentant einer Gattung zu dienen hat, die auchzu seiner Zeit schon breiter entwickelt gewesen sein muß. Nurso läßt sich das Stück in sich verstehen, nur so auch seine Be-ziehungen zu den jüngeren gleichgearteten Stücken. Das Leben-Jesu-Schema hat offenbar, als Ganzes und in Unterteilen, auchschon für die Rufe des 14. Jahrhunderts gegolten, desgleichender Brauch, je nach Bedarf einzelne Stücke oder Stückgruppenaus dem Gesamtzusammenhang auszuheben. Ein Gebilde etwawie der Sternruf Maria Wack. 2, Nr. 1212 ist mit ähnlichemUmriß schon für das 14. Jahrhundert denkbar.- Und dieseRufe des 14. Jahrhunderts nährten sich gutenteils von den-selben Wendungen und Formeln wie die des 16. und 17. Jahr-hunderts. Wo Verse oder Verspaare ganz oder nahezu überein-stimmen, weisen die 'Anmerkungen' darauf hin; wollte man alleBerührungen der Ausdrucksweise buchen, so wäre sehr vielmehr beizubringen. Auch die eigentümlich primitive Technik,die an Zahl- und Datenangaben die Erzählung weiterspinnt(s. V. 25. 79. 101. 103) teilt unser Stück mit späteren biogra-phischen Liedern (vgl. Wack. 2, Nr. 699. 912. 1019. 1218) 1 ).Und seine Responsionsform, Kyrieleison nach der ersten Zeile,Alleluia, gelobet seist du, Maria nach der zweiten Zeile der Stro-phe, ist eine der beliebtesten in den Rufen des 16. und 17. Jahr-hunderts, nur daß der Schlußruf gewöhnlich heißt Gelobet seiGot und Maria (Wack. 2, Nr. 1127. 1161. 1166; Wack. 5, Nr.1317. 1411. 1415. 1416. 1480. vgl. 1481). Auf der andern Seitedarf freilich das Stileigene des 14. Jahrhunderts nicht verkanntwerden. Eine Zeile wie 6 Er grüsd sie minneclich zehant schmecktnoch höfisch, und in ähnliche Sphäre gehören die Formeln vonder edeln küniginnen (59), die ir wizzen hende want (63). Auchbildliche Wendungen wie Dich wil ob allen vrowen Götlich segenbetowen 9 f. und Beslossen in sinr müter srin 48 sind ein Nachhallälterer, höher geschichteter Kunst. Aber das verschwindet inden Niederungen einer kunstlosen und ungelenken, mit den

') Die Angabe, daß die drei Könige nach 12 Tagen bei dem Kindlein er-scheinen, ist nicht so bemerkenswert, wie Pfannenschmid (S. 168) annimmt;Vgl. die Nachweise bei Bäumker S. 88; s. auch Wack. 2, Nr. 914, 12; Nr. 1019, 7.