Druckschrift 
Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
Seite
206
Einzelbild herunterladen
 

206 Die deutschen Geißlerlieder.

einfachsten sprachlichen Mitteln sich zufrieden gebenden Rei-merei.

Es bliebe noch ein Wort zu sagen über die Treue der Über-lieferung des Liedes T ). Der Auf Zeichner hat das locker gebauteVolkslied wieder in das Prokrustesbett eines starren Schemasgezwängt, das nur nach einer Richtung hin den Versen grund-sätzlich eine größere Freiheit läßt als Lied III : neben den herr-schenden Versen mit Auftakt läßt er auch auftaktlose gelten,wenngleich jene um mehr als das Vierfache überwiegen. Aberschon wo das gesungene Lied zweisilbigen Auftakt hatte, greifter kürzend ein (V. 15. 102). Sein Ideal sind wechseltonigeVerse, die deutlich auf den Silbenzähler aus sind: beim stumpfenVers acht, beim klingenden sieben Silben sind das Normal-schema. Im allgemeinen gehen dabei Wort- und Vers-, resp-melodischer Akzent zusammen; der Ausnahmen sind nicht viel:Betonungen wie götlicher 2, nummer 12 muß man sich wohlgefallen lassen. Härter sind schon zwischönt 65, sagdnt 90-wissen 104. Aber der Vers 13 As sol Jesus werden genant, dessenSkansion durch die Neumierung sichergestellt ist, läßt erkennen,was man dem Auf Zeichner zutrauen darf (ohne daß man dasgleiche dem wirklich gesungenen Liede zuzutrauen brauchte).

») Runges Interpretation der Neumierung des Liedes (S. 13f.) scheint mireinen Fehler zu enthalten. Leider zeigt die erste Strophe, die allein mit Liniennotiert ist, klingende Kadenz, während das Lied weit überwiegend Strophenmit stumpfem Versausgang aufweist. Ihre Melodie kann nur aus den linien-losen Neumen abgelesen werden, und da umschreibt Runge sichtlich ein Zeichenfalsch. Die melodische Phrase der ersten Zeile des Liedes heißt in Choral-

c

noten nach Runge S. 32

Maria unser froweFür die entsprechenden stumpfen Zeilen setzt er folgende Notierung an

S. 13):

Aber die Clivis, die i°

Zuz ir wart ain engel gsantden klingenden Versen die Tonfigur über fro- bezeichnet, ist deutlich nichtdieselbe, die in den stumpfen Versen die Tonfigur über -gel ausdrückt. Dieseletztere meint nach Hugos Neumenschreibung vielmehr ein Intervall vonnur einem Ton Abstand. Der melodische Ausgang der stumpfen Verse zu Be-ginn der einzelnen Strophen ist also wohl anzusetzen als: