204 Die deutschen Geißlerlieder.
ren Fülle und Geschlossenheit, die die erste Szene gegenüberden folgenden Abschnitten zeigt, darf man nicht zu großesGewicht beimessen. Denn auch spätere Rufe zeigen eine ähn-liche Bevorzugung der einleitenden Verkündigungsgeschichte.Vielleicht äußert sich darin ein Zug volksmäßigen Gestaltens:ohne rechten Plangedanken setzt der Leben-Jesu-Ruf mitvoller epischer Breite ein, um aus Mangel an Atem sehr baldschmächtiger zu werden und früher oder später ganz abzu-brechen, ohne zum Ende gelangt zu sein. Auch die Darstellungvon Christi Geburt in unserm Ruf macht einen unorganischenEindruck. Die Breite der Verse 59 ff., die auf eine ausladendeErzählungsart deutet, steht mit den Versen 75—78, die dieHirtenepisode andeuten sollen, in zu krassem Gegensatz, alsdaß man hier nicht mit Zersingungserscheinungen rechnen sollte.
Bei dieser Deutung des Liedes könnte es scheinen, alswenn es unmittelbar gar nichts mit den Geißlern zu tun habe;aber die innere Beziehung fehlt doch nicht. Was in diesemLiede nach Ausdruck verlangt, ist das dumpfe Empfinden:'trotz unseren Missetaten sind wir nicht verloren; denn Christusist geboren, hat Gott versöhnt und hat uns durch den Taufbunddem Himmel gewonnen''). Dies Empfinden bemächtigt sichbereitliegender Liedinhalte und führt sie unbeholfen bis zuder Tatsache der Heilsgeschichte, an die die Hoffnung aufErlösung sich klammerte, eben der Taufe, die den Menschenerlösungsfähig machte. Es ist schwerlich rein zufällig, wennder Leben-Jesu-Ruf mit diesem Bilde und den Hoffnungen, diees erweckt, abbricht: im Sinn der Geißler ist das Leben-Jesu-Fragment dieses Rufes ein 'organisches Fragment'. Der Ernstund die Angst um die Erlösung, die aus dem nur scheinbarabgerissenen Liedschluß sprechen, das ist das stimmungsmäßigGeißlerische an dem Stück.
Geschichtlich bedeutsam ist, wie viel von dem was sich
') Für die Sangerhausener Kryptoflagellanten war es ein Glaubenssatz,daß am Ende der Zeiten die Wassertaufe durch die Blutstaufe ersetzt werdenmüsse (s. o. S. 30 Anm. 1). Die Quaestio der Breslauer Hs. (s. o. S. 22) läßterkennen, daß auch unter den Geißlern von 1349 schon ähnliche Gedankenumliefen: quia ut plurimum tales asserunt nulluni posse salvari nisi conlingatipsum in proprio sanguinc baptizari Bl. I43 v . Aber es hieße künsteln, wennman den Schluß des Leises mit solchen Ideen in Verbindung bringen wollte.Er hat dem klaren Wortlaut nach gerade die von Christus eingesetzte Wasser-taufe in ihrer Erlösungskraft vor Augen.