Druckschrift 
Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
Seite
203
Einzelbild herunterladen
 

Das Lied 'Maria unser vrouwe' (Lied IV). 203

lebendig wechselnde Abbilder des vollkommenen Urbildes. Esist die Frage des 'Originals' und seiner Ableitungen, auf einenganz großen Maßstab gebracht: die Vollform des Urbildesgestaltet sich praktisch nur in einer Vielzahl von Bruchformen;aber jede von ihnen bedeutet, als Volkslied betrachtet, einStück eigenen Rechtes.

Es wäre eine verlockende und dankbare Aufgabe, denDingen, die hier nur kurz umrissen werden können, genauernachzugehen und diese Rufe rein in ihrem Volksliedleben aufbreiterer Grundlage zu untersuchen. Uns kommt es im Augen-blick nur darauf an, die rechte Sicht für die Beurteilung desGeißlerliedes zu gewinnen. Und da kann kein Zweifel sein:auch dies Stück ist vor den Hintergrund des Leben-Jesu-Schemas zu stellen, freilich so, daß eine Untergruppe, ChristiKindheitsgeschichte, als Sonderteil sichtbar wird. Aber manvergleiche nur das sehr nahestehende Stück Wack. 2, Nr. 1207(handschriftlich um 1510), und man wird zugeben, daß unser Rufals Ansatz zu einem ganzen Leben Jesu begriffen werden will.Das Stück ist auch am Schluß so unorganisch nicht, wie esauf den ersten Blick scheinen möchte. Den Sprung von derDreikönigsgeschichte auf die Taufe kennen auch andere Rufe,und gerade der auch sonst gut vergleichbare Wack. 2, Nr. 1207,der freilich die Erzählung bis zur Auferstehung weiterführt.Das Lied ist also ein (allerdings früh abbrechendes) Fragment,das dem üblichen Leben-Jesu-Schema folgt. Aber trotz seinemso weit organischen Charakter ist nicht gesagt, daß nicht dochdie eingangs angedeutete Möglichkeit der Kontamination be-stehen könnte. Bei der Eigenart dieser Rufe muß man aufSchritt und Tritt ebenso auf Kontaminationen wie auf Aus-höhlungen gefaßt sein, nur Umstellungen, jenes dritte großeVariationsmittel des Volksliedes, sind weniger zu befürchten,weil das bekannte Schema die Reihenfolge festlegte. In unsermLiede kennzeichnen sich nur die Verse 37 f. ziemlich deutlichals verstellt: sie gehören an den Anfang der Verkündigungs-geschichte. Ob aber diese Verkündigungsgeschichte ehemals ihrSonderdasein führte, um erst später mit den folgenden Bestand-teilen verbunden zu werden, und ob vielleicht noch weitereKontaminationsnähte das Stück durchziehen, die Frage ist nurgefühlsmäßig zu bejahen, kaum sicher zu beantworten, da esan dem nötigen alten Vergleichsmaterial fehlt. Auch der große-