200 D' e deutschen Geißlerlieder.
Fülle und Schmächtigkeit der Erzählung, ist ein bezeichnenderZug auch der jüngeren Texte. Zumal solche Stücke begegnenhäufiger, in denen die Eingangsszene, zumeist die Verkündigung,breit ausgestaltet ist, während im weiteren Fortgang knapp,manchmal fast stichwortartig ein Zug aus dem Leben Jesuan den andern gefügt ist (vgl. Wack. 2, Nr. 1207, Nr. 1218).Das ganze Leben Jesu von der Verkündigung bis zur Wieder-kunft ist das ideale Schema, vor dem man all diese biographi-schen Rufe sehen muß. Dieser Rahmen ist vom lebendigenVolksgesange wohl nur selten mit all seinen Einzelgliedernvollständig gefüllt worden. Wo man das ganze Gefüge einiger-maßen lückenlos vor sich sieht, darf man die ordnende Handdes Aufzeichnenden im Spiele sehen (Wack. 5, Nr. 1437), wennes sich nicht überhaupt um künstlichere Gebilde handelt (Wack.2, Nr. 1019). Auch innerhalb der mehr oder weniger voll-ständigen Stücke ist die Erscheinung zu beobachten, daß nebender nur andeutenden Behandlung, die die Regel bildet, einzelneStationen von Jesu Leben eine breitere Ausführung finden,zumal die Leidensgeschichte, wie in Wack. 2, Nr. 1019 und5, Nr. 1437. Aber in dem Stück Wack. 5, Nr. 1411, das gleich-falls trotz seinen Verstümmelungen in der Anlage als ein voll-ständiger Leben-Jesu-Ruf angesprochen werden muß, ist esz. B. so, daß schon die Geschichte von dem Stern und dendrei Magiern sich breit entfaltet.
Diese Erscheinung erklärt sich daher, daß mit zwei Grund-formen christobiographischer Rufe gerechnet werden muß-Neben den Leben-Jesu-Rufen, denen das ganze Schema vor-schwebte, wenn sie es auch nicht ganz füllten, gab es auchRufe, die nur einzelne Geschichten des Neuen Testaments zurftGegenstande hatten und diese dann natürlich in einem andernStil, mit mehr Fülle und Einzelheiten erzählten. Man darfvielleicht vermuten, daß die zweite Form die genetisch ältereist. Lehrreich ist für diese Dinge das Liederbuch des Zister-zienserstiftes Hohenfurt in Böhmen aus der zweiten Hälftedes 15. Jh.s, das Wilhelm Bäumker unter dem Titel 'Eindeutsches geistliches Liederbuch mit Melodien aus dem 15 •Jahrhundert' veröffentlicht hat (Leipzig 1895). Dies Lieder-buch enthält zwei große Zyklen von Rufen l ) : der erste reicht
1 ) Eigentlich drei; aber der zweite ist nur die Bearbeitung des erstenfür eine andere Melodie.