Das Lied 'Maria unser vrouwe' (Lied IV). i qq
Volksliedes, die uns die literarischen Quellen im 15. Jh. alsbereits vorhanden, aber erst im 16. und 17. Jh. in breitesterEntfaltung zeigen, wird durch dies Lied als schon im 14. Jh.Voll lebendig erwiesen, das ist die Gattung des langatmigen,vielstrophigen 'Rufes' 1 ), von dem die katholischen Gesang-bücher der älterneuhochdeutschen Zeit voll sind. Diese Rufe,auch 'Kreuzrufe', 'Kreuzgesänge' genannt, sind aus der kirch-lichen Litanei entwickelt, wie denn die spätere Zeit beide Be-griffe gelegentlich als gleichbedeutend versteht (Wack. 5,S. 1188 Letaney oder Rüef). Der wesentliche Unterschiedbesteht darin, daß formal an die Stelle des ungeformten Anrufeseine kurze Reimstrophe trat, und inhaltlich an die Stelle desBittgebetes epische Erzählung. Dagegen bleibt der schnelleWechsel von Text und Responsion: bei den in der Mehrzahlzweizeiligen Rufstrophen folgt üblicherweise auf jede Zeileein Lob- oder Bittruf als Kehrreim. Und es bleibt die Zweck-bestimmung: auch die Rufe dienen der Begleitung von Kirch-fahrten und Wallfahrten aller Art. Ihren epischen Inhalt nehmendie Rufe in der Hauptsache aus der Heilsgeschichte, Mariaund Jesu Leben stehen im Mittelpunkt; und dieser Art ist auchdas Geißlerlied.
Der Ruf vereint in der Hauptsache drei Geschichten ausden Anfängen des Lebens Jesu, die nur schwach verbundenUnd am Schluß sprunghaft fortgesetzt sind: die Verkündigungmit dem Besuch Marias bei Elisabeth (1—48), Jesu Geburt,also die Weihnachtsgeschichte (49—78) und die Erzählungvon den drei Königen aus dem Morgenlande (83—102). Diesedrei Hauptstücke des Liedinhalts heben sich so mit eigenemSchwerpunkt gegeneinander ab, daß man meinen könnte,das Lied sei durch Kontamination ehemals selbständigerStücke entstanden, um so mehr als die Ausführlichkeit, mitder die Verkündigung erzählt ist, fühlbar von den folgendenTeilen absticht. Aber jüngere Rufe mahnen zur Vorsicht.Diese Ungleichmäßigkeit der Darstellung, der Wechsel zwischen
') An sich reicht die Bezeichnung bis ins Mhd. zurück; ruof meint vonHaus aus ein kurzes, auf Anrufungen gestelltes Gebetslied von der Art desSant Mari, muoier unde meit usw.; vgl. Hoffmann von Fall. Kirchenl. S. 67 ff.;DWb. 8, 1393 0. In diesem Sinne haben wir das Wort bislang verwendet.Der Gebrauch des Wortes in dem oben angegebenen Verstände wird so altsein wie diese besondere Gattung als solche.