290 Die deutschen Geißlerlieder.
aufgefüllt worden sind. Die ungeschickte Flexionsendung«fflffi dines kint 9 scheint freilich in dem melodischen Satz eineStütze zu finden. Aber die ebenso ungeschickte sinn zwelfenjungern 14 ist durch ihn weniger gedeckt. Verdächtig ist auchdas da in V. 8 (denn die übliche Form dieses Verses kennt dielokale Partikel nicht). Vielleicht daß sich hinter dem glattenGleichmaß solcher Verse ursprünglich einsilbige Takte ver-bergen (nach Art des Verses 27).
Aber mag Hugo auch glättend eingegriffen haben, dasGefüge des Liedes hat er zweifellos nicht angetastet. Dennes trägt in solchem Maße die Kennzeichen des echten Volks-liedes, daß an eine irgendwie tiefer greifende Bearbeitungdurch den Aufzeichner nicht gedacht werden darf. Dieserzur Ärmlichkeit gewordene Formzwang, der Strophen undVerse immer wieder mit den gleichen Wendungen beginnenläßt, die Wiederholungen ganzer Verse fast mit dem gleichenWortlaut, die redselige Dürftigkeit im Gedanklichen, diesUnvermögen ein Ende zu finden, — all das spricht eine deut-liche Sprache. Das Lied ist das primitivste unter den erhaltenenGeißlerliedern des Jahres 1349; um so merkwürdiger wäre es,wenn ihm von Haus aus eine solche Formstrenge eignete,wie Hugos Aufzeichnung uns glauben machen will.
Für die Frage nach Aufbau und Wachstum des Stückesist wieder die Melodie von Bedeutung. Str. 1 und 2 unter-scheiden sich kompositorisch von dem Rest. In ihnen ähneltdie Melodieführung der von Str. 2 und 3 in Lied II, insofernauch hier Z. 1 und 3 jeder Strophe den gleichen Satz aufweisen;Schema also abcb 1 ). Mit Zeile 9 beginnt eine neue melodischeZeile (d), die in der dritten Strophe mit b wechselt, also d b d b.Indes ist diese melodische Zeile nur eine echt volksliedhafteAbleitung aus der c-Zeile: die zweite Hälfte der c-Zeile isteinfach gedoppelt worden, um die neue melodische Phrasezu gewinnen. Von Zeile 13 an weist die Neumierung Lückenauf, um die Zeile 24 überhaupt aufzuhören. Aber das Vor-
*) Für unsere Zwecke kann darüber hinweggesehen werden, daß in Str. I■die 4. Zeile gegenüber der zweiten eine leichte musikalische Variation zeigt,die sich in der 2. Zeile von Str. 3 wiederholt. Auch die linienlose Neumierungdieser Zeilen im weiteren Fortgang des Liedes weist Variationen auf, die diemoderne Transskription der Melodie bei Runge S. 10 f. nicht genügend zumAusdruck kommen läßt.