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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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183
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Der Einzugsleis (Lied II). 183

zumal diese Strophe auch von seiten des Inhalts als Kernstückdes Leises erscheint. Dieser Typus entspricht überdies dermusikalischen Form von Lied III. Wenn Strophe i und 3 gegen-über diesem Typus abcb die Form abcd aufweisen, hat dasseinen Grund offenbar darin, daß die Melodie des uralten Rufesder Schlußzeile, Nu helf uns der hailant, unabänderlich ge-geben war.

Sieht man von den Zusätzen in Strophe 2 und 4 ab, sosind die Abweichungen von C und R außerordentlich gering.In Vers 17 hat C überschüssiges al, in V. 18 überschüssigesdich, in V. 19 überschüssiges vil. Von einer 'Literarisierung'der Überlieferung, wie sie für Lied I in C wahrscheinlich zumachen war, kann hier nicht gesprochen werden. Denn ab-gesehen von V. 17 dienen die überschüssigen Wörter keines-wegs dazu, die Verse zu glätten, wie auch sonst C an starkgefüllten Versen keinen Anstoß nimmt. Wir haben also Grund,in der Wiedergabe Closeners eine im ganzen zuverlässige Auf-zeichnung des gesungenen Liedes zu sehen. Es liegen sonach zweiverschiedene, ohne Zweifel voneinander unabhängige Aufnahmendesselben Volksliedes vor. Diese Doppelüberlieferung erweisteinen hohen Grad von Festigkeit in der Weitergabe des Liedes,der neben den stärkeren Abweichungen in der Liturgie nichtüberraschen darf: der kurze, natürlich aufgebaute, aus lauterbekannten Formeln zusammengesetzte Liedtext gab wohl Raumzu Längungen, bot aber Zersingungserscheinungen weit wenigerAngriffsflächen als die Liturgie.

Es gibt für den Einzugsleis noch eine alte Überlieferungaus dem 14. Jh., doch ist sie bereits literarischer Art. Auchdie Chronik des Jakob Twinger von Königshofen bietet,Wo sie von dem Geißlerwesen des 14. Jh.s berichtet, einen voll-ständigen Text l ) ; aber er ist offensichtlich aus Closener über-nommen, der bekanntlich eine der Hauptquellen für Königs-hofen bildet. Die letzte von Königshofens drei Redaktionender Chronik liegt im Originalmanuskript vor; hier sind dieeinzigen Abweichungen von Closeners Text also 5, unser frown 10,wir dich alle 15, in den letzten beiden Versen also ein leichtesschriftstellerisches Eingreifen, das die überladenen Zeilen ent-astet. Und die Redaktion B, die Hegel aufstellt (Städtechron.Bd. 8, 204 ff.), hängt selbst an diesen beiden unbequemen

') Chron. d. dtsch. Städte Bd. 9, S. 765.