182 Die deutschen Geißlerlieder.
artiger Textgestalt als Grundlage. Aber der Verdacht scheintberechtigt, daß eine vielleicht nicht geringe Willkür bei derAufzeichnung der Melodie im Spiele ist (s. o. S. 125 f.). Sehrbemerkenswert ist aber, daß diese Willkür, die in den andernLiedern mehr die Texte zugunsten der musikalischen Normal-formen eingezwängt hat, in unserem Liede gerade dem Textegroße Freiheit läßt. Von den c-Zeilen weist V. 7 mit dazdallerdings eine harte Enklise auf, dafür läßt aber V. 17 einemelodisch sehr empfindliche Auftaktlosigkeit zu, die ganzleicht zu beheben gewesen wäre (s. Closeners Text). Und Wden b-Zeilen scheint Hugo geradezu etwas darin zu suchen,die (sonst so gefährdeten) Neben- und Endsilben zu bewahren,ihnen melodisch zu folgen und silbisch verschiedene Verseherauszubekommen: wie leicht hätten sich sonst Verse Wie18 oder 20 auf die Normalform des ersten b-Verses bringenlassen! Hier geht der Anschluß an die unverkürzte Wortformgewiß weiter als das lebendige Lied es zuließ. Der Trieb z usilbenzählerischer Ausgleichung, der die andern Liedtexte be-herrscht, waltet hier noch nicht (Lied II ist bei Hugo das erste !)')•Es ist also eine Art Systemwechsel in Hugos Aufzeichnungder Texte festzustellen. Mit seiner freien Art der Versfüllunggewährt Lied II wohl einen reineren Eindruck von der äußerenForm eines Geißlerleises, als zumal das folgende Stück, Lied III ;gleichwohl muß man sich hüten, die Aufzeichnung als wirklich-keitsgetreu zu nehmen.
Wir kehren zu der Frage der strophischen Gliederungzurück, die das Schema beantworten sollte. Aus ihm erhellt,daß, wenn wir von vier zeiligen Strophen ausgehen, zwei ver-schiedene Typen in dem Liede abwechseln: abcd in Strophe 1und 3, abcb in Strophe 2 und 4. Die Längung der Strophen 2und 4 wirkt sich musikalisch in einer Wiederholung des Satzesder zweiten Strophenhälfte aus; das ist nichts als das Über-gehen aus einer vierzeiligen in eine zweizeilige Litaneienstrophe-Auf diese Weise war, auch musikalisch gesehen, das ursprüng-liche Lied unbegrenzt verlängerungsfähig. Als musikalischeGrundform wird der Typus von Strophe 2 anzusehen sein,
') Lehrreich ist V. 12, den Hugo aus Die zeunserr liebun frown uns tf avnachträglich verändert hat in Die uns z. I. /. trait, offenbar um der melodisch 1 -' 11Phrase zuliebe dem Wechselton zu entgehen. Die Korrektur in V. 8 von de> ntod (urspr. vö tod ?) ist möglicherweise ähnlich zu verstehen.