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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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179
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Der Einzugsleis (Lied II). 17Q

Auf Inhalt und Aufbau gesehen, stellt Lied II, der 'Einzugs-leis', wie wir ihn nennen wollen, ein ziemlich wirr zusammen-gewachsenes Gebilde dar, das sich wenigstens im groben in seineElemente zerlegen läßt. Der gedankliche Kern steckt in derzweiten Strophe. Ein altüberlieferter Stropheneingang (V. 5 t.)ist durch den Hinweis auf Christi blutigen Kreuztod in geiß-lerischer Richtung ergänzt worden. Unklar ist die Art derVerbindung mit der nächsten Strophe, der dunkelste Punktfür die Interpretation des Liedes. Da unzweifelhaft Elementeeiner alten Bittfahrtstrophe (s. Anm.) in der Strophe ent-halten sind, ist die Möglichkeit eines alten Zusammen-hangs von Str. 2 und 3 nicht von der Hand zu weisen.Was der Strophe in dem Einzugsleis ihr Recht gibt, das istder Bittgang zu Maria, von dem sie handelt. Denn das war esoffenbar, was die Geißler aus ihr heraushörten: 'unser Buß-gang wendet sich an die Jungfrau Maria, die Fürbitte für unseinlegen soll'. Ihr Hereinziehen hat also im Einzugsleis dieselbeBedeutung wie in der Liturgie. Die erste Strophe ist von derzweiten aus zu verstehen: sie bietet, den Eingang der zweitenabwandelnd, eine Art Exposition für das folgende. Die mitKreuzen einherziehenden Geißler legitimieren sich durch denHinweis auf Christi Vorbild. Der Sinn der Geißelbuße ist jadie Nachahmung von Christi Passion. Christi Leidensgeschichteaber wurde nach herkömmlicher Anschauung durch seinenEinzug in Jerusalem eröffnet. So ist es also von Bedeutung,Wenn der Einzugsleis mit einer Erinnerung gerade an dieseSzene von Christi Leben beginnt. Und vielleicht will die An-spielung noch mehr besagen und gestattet einen Schluß aufdie tiefere Bestimmung dieses Leises. Christus zog ein inJerusalem, die ihm noch nicht zugetane Stadt, um sie zu ge-winnen und sein messianisches Werk zu krönen. So ziehendie Geißler ein in eine Stadt, die sie für ihre Sache gewinnenWollen, um ihr Bußwerk zum Siege zu führen: das muß dieMeinung dieses Liedeingangs sein. Dann spiegelt sich alsoder äußere Lebens- und Ausdehnungsprozeß des Geißlerwesensm diesem Liede, wie in der Eingangs-, so auch in der an sieanknüpfenden Schlußstrophe. Denn diese Sätze: 'wir wollendie Geißelbuße auf uns nehmen, um den zornigen Gott zuVersöhnen' (das ist der Sinn, der hinter den übernommenenFormeln steht), gewinnen erst den rechten Klang, wenn man

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