Die Liturgie (Lied i)- 171
Chron. sind (vgl. die Nachweise bei Wyß S. 13); die Chronologieist oft um mehrere Jahre verschoben, und zwar selbst beiEreignissen, die Tilemann bewußt miterlebt hat. Wieviel mehrm uß das für Dinge gelten, die in seine Kinderjahre fallen.So scheint es mir also durchaus erlaubt, die an sich unbestimmteZeitangabe Tilemanns zu übergehen und die Tageweise einPaar Jahre hinauf und an das erste große Sterben heranzurücken;u nd ich würde an dieser Meinung auch nicht irre werden, wenndie These von Gottfr. Zedier recht hätte, wonach eine ältere,v on Gensfleisch verfaßte Limburger Chronik z. T. in derTilemannschen aufgegangen ist. Dann bestünde ja die Mög-lichkeit, daß Tilemann die Angaben über die Tageweise (undandere Lieder) von einem Chronisten übernahm, der zuver-lässigere Kenntnis hatte; gleichwohl blieben genug Wege offen,die zu seiner irrigen Angabe führen konnten x ).
Die Tageweise gewinnt gewaltig an Aktualität, wenn mansie in unmittelbare zeitliche Nachbarschaft zur Lit. bringt.Sie gewinnt auch an Leben und Aussagekraft. Es ist ein Stückr ein kirchlichen Geistes gegenüber der Geißelübung mit ihrendeutlich gegenkirchlichen Spitzen. Was man den Geißlernv orwarf, war vor allem Verachtung der Sakramente: de reli-giosis et clericis et ecclesie sacramentis non sobrie sentiunt etloquuntur Heinrich von Herford S. 281. So bleibt es bisJohannes Gerson: constat per experientiam in multis, quod
') Es ist hier nicht der Ort, die Quellenfrage der Limb. Chron. aufzu-rollen. Doch sei darauf hingewiesen, daß in ihr auch die Liedüberlieferung^er Chronik vielleicht eine Rolle zu spielen hat. Es ist eine merkwürdige Tat-sache, daß die Liednotizen Tilemanns sich in den ersten drei Fünfteln seinerChronik zusammendrängen: das letzte Lied steht in Kap. 125, zwischen Er-ei gnissen, die ins Jahr 1380 gehören. Von da ab bis zum Jahre 1398 keindeutsches Lied mehr. 1378 hat Tilemann mit eigenen geschichtlichen Auf-zeichnungen begonnen (s. o. S. 151). Was er an Liedern bringt, liegt also soSut wie ausschließlich vor diesem Termin, während man das umgekehrteerwarten müßte, wenigstens wenn auf die zeitliche Einreihung Verlaß seins °Ht.e, die Tilemann den Liedern gibt. Man möchte ja dem Zedier sehen Satzerecht geben: 'das Wertvollste in der Limb. Chron., die Proben deutscher Volks-lieder, hat Tilemann dem Leben selbst abgelauscht' (S. 307 t.); aber wie ver-tagt es sich damit, daß der Chronist, als er um die Jahrhundertwende seineChronik schrieb (nach Edw. Schröder 1402, Zs. f. d. Alt. 53, 207; vgl. 335 f.),n ur Lieder aus den ersten drei Jahrzehnten seines Lebens aufzeichnete ? DaFüssen entweder besondere Quellenverhältnisse im Spiel sein, oder die zeit-lichen Angaben über die Lieder sind haltlos.