164 Die deutschen Geißlerlieder.
stilistisch recht rein. Es ist ein ganz schmuckloser sachlicherStil: keine Genitivverbindungen (außer so gewöhnlichen wiehelle grünt 76, helle -pin 91), kaum ein Bild (74), kaum ein überden Bedarf hinausgehendes Adjektivum (meist in den Drei-reimstrophen: haissun helle 2, wunde rot 45, ir kint so sSssen 59)-Der Satzbau ruht ganz auf stichisch verwendeten Haupt-sätzen; auch die Nebensätze fügen sich zumeist in diesenschlichten syntaktischen Stil (nur eine Dreireimstrophe istbezeichnenderweise etwas künstlicher, 59 ff., außerdem diespäte Strophe 107 ff.). Es ist auf diese Weise eine Art von Monu-mentalität in die Lit. gekommen, die namentlich in den erstenStücken (bis V. 46) ihre Wirkung nicht verfehlt; abgesehenvon der ersten Strophe (wieder einer Dreireimstrophe) mangeltes diesen Stücken so gut wie ganz an Nebensätzen. Aber dasist eine naive Monumentalität. Eine bewußte künstlerischeAbsicht wird man nur in den einfach-großlinigen Parallelismender genuflexio gelten lassen; ein an sich ganz geläufiges stilisti-sches Mittel des Volksliedes wird hier sehr wirksam an derStelle eingesetzt, die den Höhepunkt der melodramatischenHandlung bedeutete. Stilistisch aus dem Rahmen fallen nurdie Verse 115 f., spielerig und weinerlich zugleich; vielleichtauch schon die vorhergehenden 113 f. Aber das sind fremdeFlitter. Im ganzen genommen haben wir in der Lit. ein StückDichtung vor uns, das von der Kunstdichtung seines Jahr-hunderts nur sehr schwach berührt ist, ein Stück von reli-giöser Volksdichtung, die in ihrer eigenen Sphäre wuchertund ihre eigene Form gestaltet. Das deutsche Pilger- oderBittfahrtlied hat den Hauptanteil an der Schaffung dieserForm; es trägt auch die Geißlerliturgie. Daneben sind Ein-flüsse anderer Richtung wirksam, auf die mit aller Deutlich-keit die Stabat-mater-Strophe aufmerksam macht: sie führenin die Bezirke des geistlichen Spieles. Von da aus will offenbardie stark dramatische Haltung des Liturgietextes verstandenwerden, die nicht nur unmittelbar aus den Teilen I und IIspricht, sondern in dem Hin und Her der Wir- und Ihr-Rede über das ganze Stück hin zur Geltung kommt.
Das Glück will es, daß wir ein Vergleichsstück zu derLit. besitzen, das gerade die Unterschiede literarischer Schich-tung hell beleuchtet. Es ist die bekannte 'Große Tageweise'