Die Liturgie (Lied i). jgg
bissen Zersingungserscheinungen innerhalb der Verse hat er sichv on seinem Urbild bereits entfernt.
Fassen wir zusammen, so stellt die Lit. ein Stück Volks-dichtung reinsten Charakters dar. In den Anfängen der Geißel-bewegung des Jahres 1349 hat, so dürfen wir mit aller Zurück-haltung und allen Vorbehalten schließen, auf österreichischemBoden ein schlichter Mann die dreigeteilte Form der Lit. zu-sammengestellt. Dabei nutzte er ein älteres programmatischesGeißlerlied (Teil II), das nach dem Himmelsbrief die Be-gründung der Geißelbuße darstellte; er nutzte eine Passions-szene, das Zwiegespräch zwischen dem gekreuzigten ChristusUr td den Sündern, auch dies vielleicht Reste eines älterenGeißlerliedes (Teil I); und er dichtete einige Sünderstrophenhinzu (Teil III). Er fand für die Zwischenhandlung der genu-fiexio, die sich dreimal an den Geißelumgang anschloß, einen(oder zwei) schlichte Vierzeiler; er gab der altüberliefertenSchlageformel ihren eindrucksvollen Platz am Schluß vonTeil III. Aber das ist das höchste, was über das Zustande-kommen der Lit. und ihren Grundriß gemutmaßt werden kann:w eder der Strophenbestand noch die Strophenfolge dieserGrundform der Lit. läßt sich aus den erhaltenen Fassungenzurückgewinnen. Der Text O beweist, neben die Fassung Rgehalten, wie starke volksliedhafte Veränderungen die Lit.m kurzer Zeit erfahren hat: die besonderen Verhältnisse desGeißlerwesens erklären die Schnelligkeit der Liedumbildung.R seinerseits aber ist um gut ein halbes Jahr von dem Auf-kommen der Geißlerbewegung in Österreich getrennt. Nunbraucht freilich die Grundform der dreiteiligen Lit. nicht gleichzu Beginn der Bewegung dagewesen zu sein. Aber sicherlichsteht die Aufzeichnung Hugos um Monate von dem Entstehender Grundform ab, und diese Monate haben sie natürlich weiter-gebildet und verändert.
Aber die Frage nach dem Individuum, das Fremdes undEigenes einmal planvoll geordnet hat und in gewissem Sinnear n Anfang steht, ist wie beim Volkslied gewöhnlich nicht diewichtigste und fruchtbarste. Wesentlicher ist für die Würdigungder Lit. die morphologische Seite. Trotz dem Zusammen-wachsen aus verschiedenartigen Bestandteilen, trotz nach-träglichen Anwüchsen ist die Lit., wie sie in R vor uns steht,