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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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162
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Iß2 Die deutschen Geißlerlieder.

geworden. Die hartkantigen Blöcke der deutschen Liturgiesind, soweit benutzt, eingeschmolzen worden. Der Umguß ergabeine Dichtung, die farbiger, höher, gelenker in der Sprache,auch reicher an Tönen war als das Urbild. An die Stelle un-ruhiger Vielformigkeit, die Episches und Dialogisches, Wir- undIhr-Rede bunt durcheinander wirft, ist ein Gleichmaß des Vor-trags getreten, der seinen Stoff nach Möglichkeit in Anrufungenauszubreiten sucht, die sich entweder an Gott und die Jungfrauoder, in Wir-Form, an die Geißelnden selbst richten; die Dichtungist ebener, aber auch undramatischer geworden. An die Stellevolksliedhafter Undurchsichtigkeit und Hintergründigkeit tritteine plane Klarheit, die fast überdeutlich auch die Begleit-handlung in ihren einzelnen Stufen genau angeben zu müssenglaubt. Sehr bezeichnend für den Stilwandel ist auch, wie derZwischenteil verändert worden ist. Im Deutschen wiederholtsich bei der genuflexio dreimal dieselbe Strophengruppe, wiees die starre Art des Volksliedes ist. Im Romanischen bleibtsich nur der aus der deutschen Liturgie herübergenommeneVierzeiler gleich, der die genuflexio abschloß J ); das Kniegebetals solches gilt das erstemal dem Erfolg der Geißelbuße (Str. 6),dann den Zuschauern (Str. n) und löst sich beim drittenmalin ein paar Abschlußformeln auf. Das Typische der Formgebung,wie es in der deutschen Liturgie neben der genuflexio auch inden Kehrreimstücken hervortritt, ist abgelöst durch ein Be-streben zum Wechsel der Formen, wie er dem individuellenGestalter näher lag. So haben wir denn in der wallonischenLiturgie einen Text vor uns, der seinem Stil nach eher nebenjene italienischen Geißlerlieder gehört, die aus dem Kreise derDisciplinatenbruderschaften hervorgingen, als neben die deut-schen Fassungen der Liturgie. Der künstlichere Ursprung hin-derte natürlich bei dem wallonischen Stück so wenig wie beiden italienischen Lauden, daß es Gemeingesang breiter Geißler-scharen wurde. Die Überlieferung der Pariser Handschrift zeigtden Text ja bereits auf dem Wege volksliedhafter Umbildung;nicht nur in den Strophenumstellungen, sondern auch in ge-

') Wenigstens bei den ersten beiden Stücken, und die deutsche Liturgiescheint zu erweisen, daß das die rechte Reihenfolge ist. Beim dritten Stückdagegen ist die Kehrreimstrophe vor das Kniegebet (Str. 17) gestellt, waseine Änderung der Zeremonie bei der genuflexio bedeuten würde. Ob hierdie Überlieferung in Ordnung ist ?