Die Liturgie (Lied l). ig<
vor uns haben. Die Bezeichnung Mariens als creeres.se de creatureQui oncques ne fustes cree deutet mitnichten eine ketzerischeMeinung der Geißler an (Pfannenschmid S. 184). Becker wirdrecht haben, wenn er für das Original createur statt creeresseansetzt; deshalb darf man aber die handschriftliche Fassungn och nicht als eine einfach philologisch zu heilende Verderbnisansehen. Die creeresse, auf Maria bezogen, hat vielmehr ihrvolksliedmäßiges Recht: das ist volksmäßig hochgetriebenes,dogmatisch unbekümmertes Marienlob '). Aber auch abgesehenv on dieser verballhornenden Übersteigerung ist das ganzeStück von einer überschwänglichen Marienminne überglänzt, diealles andere als ketzerisch wirkt. Hinzu kommt daß die ausge-sprochen geißlerischen Formulierungen der deutschen Liturgiegefallen sind: Were dusse böte nicht geworden, De cristenheit wergar vorswunden sagt der niederdeutsche Text (O 88 f.). Se nefust la vierge Marie, Le siede just -picea perdus sagt stattdessender wallonische (Str. 15). Der deutsche Text beginnt mit einemWerberuf und satzungsartigen Bestimmungen, die den Abstanddes Geißlerverbandes von der sündhaften Menge unterstreichen ;der wallonische Text setzt mit einem allgemein gehaltenen Be-kenntnis zu den großen Richtpunkten des christlichen Glaubensein. Das ist ebenso bezeichnend wie die Tatsache, daß derHimmelsbrief, der den Geißlern die Gewähr für das Gottgewollteihrer Buße gab und deshalb die deutsche Liturgie zu gutenTeilen trägt, sich in dem wallonischen Text nur noch sehr vielschattenhafter abzeichnet. Der Sünderkatalog des Himmels-briefes, in der deutschen Liturgie breit ausgestaltet, ist in derWallonischen nicht nur stark eingeengt, sondern überdies aufdas kirchliche Schema der sieben Todsünden gebracht. Dasganze Stück hat an geißlerischer Kontur verloren; die Ver-kirchlichung der Geißelbewegung, wie sie in den Niederlandenfestzustellen ist, spricht hörbar aus seinen Strophen.
Aber wichtiger ist für unsere Sicht der veränderte künst-lerische Charakter der Dichtung. Aus der zerstückten, bruch-u nd sprunghaften deutschen Liturgie ist ein Gebilde von eben-mäßigem Aufbau, von glattem und flüssigem Gedankenablauf
') Die Vorstellung von einer Art Präexistenz der Mutter Gottes ist übrigensa uch in deutscher Liederdichtung weithin nachzuweisen; vgl. WackernagelKirchenl. 2, S. XIII.
Hübner, Geißlerlieder. 11