160 Die deutschen Geißlerlieder.
auf Christi Martertod und läßt dann sehr geschickt folgen, wasihm der ausgehöhlte Teil II der deutschen Liturgie noch bot:die Stabat-mater-Strophe; denn sie ist in Str. 8 umgedichtet.So ist also die wallonische Liturgie ein wertvoller Zeuge dafür,daß es auch auf niederdeutschem Boden weniger durcheinander-gewürfelte Formen der Liturgie gab, als sie der Text O aufweist.Wenn das wallonische Lied die Strophe 8 sinnvoll mit denVersen von der bebenden Erde und den berstenden Felsenbeschließt, so ist das freilich kein Reflex einer deutschen Quelle,sondern es zeigt die ordnende Hand des bewußten Dichters.Der Fortgang von Teil II macht den Eindruck etwas künstlicherStreckung; hier half die erschöpfte Quelle eben nicht mehrweiter.
In Teil III löst sich der romanische Dichter, wenn man demScheine trauen darf, von seinem niederländisch-deutschen Vor-bild. Nicht daß der Zusammenhang ganz abrisse. Der Eingangvon Str. 15 entspricht fast wörtlich den Versen O 88 f. (die nurin der niederdeutschen Fassung der Liturgie nachweisbar sind!)-Überhaupt ist diese ganze Strophe an den Sünderkatalog anzu-knüpfen, der Teil III der deutschen Liturgie füllt; aber was dortursprünglich einer größeren Gruppe von Strophen den Inhaltgab, ist hier zu einer einzigen geschrumpft und ein nebengeord-netes Motiv geworden. Das Schwergewicht liegt statt dessenbei einem Mariengebet, in dem die hymnischen Anrufe die Bitteum Fürsprache und um Hilfe in der gegenwärtigen Not fastüberdecken. Die Frage ist, ob der romanische Dichter sich hiervollkommen frei ergeht, oder ob er nicht einer niederländischenFassung der Liturgie folgt, die die Rolle Marias bereits ähnlichverstärkt hatte. Angesichts der Tatsache, daß auch die altenBerichte über die Lieder der niederländischen Geißler die MutterGottes merkwürdig in den Vordergrund schieben (s. o. S. 73 f-)>ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß der wallonische Texthier Zeugnis ablegt für gewisse Sonderformen der niederländi-schen Liturgie. Es wäre dann gewissermaßen Lied III derdeutschen Geißler in die Liturgie hineingearbeitet worden; essind nicht wenig Züge, die dies Lied mit den Strophen 12. 13-14 der wallonischen Liturgie teilt, wenn auch kein so eigen-artiger, daß eine bündige Behauptung möglich wäre.
Aber wie dem auch sei, deutlich ist, daß wir mit dem walle"nischen Stück eine greifbar kirchliche Bearbeitung der Liturgie