158 Die deutschen Geißlerlieder.
sichtbarere Stelle der Bußhandlung geriet, so daß die Chronikensie heraushoben. Auch die gestreckte Gestalt, in der Woutervan Heyst die Formel bietet, kann sich sehr wohl in lebendigerLiedentwicklung ausgebildet haben.
Endlich ist der wallonischen Fassung der Liturgiezu gedenken, die in einer französischen Chronik des 15. Jh.serhalten ist. Pfannenschmid hat sie nach der in der PariserNationalbibliothek liegenden Handschrift erneut abgedruckt(S. 178 ff.) und sich viel Mühe um sie gegeben (vgl. noch S. 114)-Aber er glaubt zwei wallonische Lieder vor sich zu haben, woin Wirklichkeit nur eine Paraphrase der einen Liturgie vor-liegt ; er hat nicht gesehen, daß in der Überlieferung die Strophen-folge schwer gestört ist; er hat stückweise nicht einmal dieStrophen richtig abzuteilen vermocht. Noch weniger ist erinnerlich dem Denkmal gerecht geworden, an dem ihm haupt-sächlich wieder ketzerische Züge bedeutungsvoll schienen, —die nicht darin stecken. Phil. Aug. Becker hat bereits einigeder gröbsten Irrtümer Pfannenschmids richtig gestellt I ), demwallonischen Liede freilich auch noch nicht sein volles Rechtwiderfahren lassen, und zwar weil er es zu selbständig sah.Ein wirkliches Verständnis des Gedichtes ist eben nur von dendeutschen Formen der Liturgie aus möglich. Genauer müßteman sagen: von den niederländischen Formen der Liturgie aus,auf Grund deren die Umsetzung ins Wallonische erfolgte. Aberfür die Rekonstruktion dieser nicht erhaltenen niederländischenFassungen sind die deutschen die einzig greifbaren Unterlagen.Es ist keineswegs so, daß die wallonische Dichtung von demdeutschen Lied nur Anregungen empfangen und einzelne Zügeübernommen hätte; vielmehr hat die deutsche Liturgie in derwallonischen eine eigenartige Neugeburt gefunden.
Pfannenschmid erklärt, das wallonische Lied übertreffe 'anForm und Inhalt die deutschen Geißlerlieder' (S. 183), — einschiefes Urteil. Der Sachverhalt ist der, daß an die Stelle desdeutschen Volksliedes ein romanisches Kunstlied, ein ausge-sprochenes Individuallied getreten ist; beide Gebilde verlangenverschiedenen Maßstab. Ein einzelner hat an der Hand seinerniederländischen Quelle die wallonische Liturgie geschaffen, unddieser einzelne war ein gebildeter und geübter Mann. Er hat
*) In seiner Anzeige des Rungeschen Buches, Zs. f. rom. Phil. 25, 360 ff.