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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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156 Die deutschen Geißlerlieder.

diese dramatische Szene und die Verse, die sie begleiteten, inder Erinnerung haften blieben. In der 'BraunschweigischenBürgerchronik der Sachsen' des Cord Bote (Botho), der in derzweiten Hälfte des 15. Jh.s lebte, heißt es zum Jahre 1350(nach der Ausgabe von Leibniz, Script. Brunsw. 3, 380): Sesungen edder se sprecken ein sunderlike bet dar to, de ludde not-liken . . . unde geyselden sick sulven boven umme de schulderenmit dren strengen, so sangk öre mester:

holdet upp juwe hende,

Dat God äussern starven wende!

Strecket ut juwe arme,

Dat God sick over ju vorbarme!So gering der geschichtliche Wert der Chronik sein mag, esliegt kein Grund vor zu bezweifeln, daß hier eine lebendigeVariante zum Zwischenstück der Lit. vorliegt. Von Interesseist das interjektionale, das in volksliedhafter Umsingungaus älterem Nu geworden ist.

In Thomas Kantzows (gestorben 1542) PommerischerChronik heißen die Verse (nach Pomerania, hsg. von Kose-garten 1 [1816], 371):

huy holdet vp jwe hende,

dat godt ditt sterwen wende!

strecket vth jwe arme,

dat sick godt jwer erbarme! l )Doch hat diese Überlieferung keinen selbständigen Wert:Kantzows Schilderung des Geißlerwesens zeigt sich mit Botequellenmäßig verbunden. Bedeutungslos ist auch die Auf-zeichnung der Vierzeiler bei Bernhard Hertzog, Chron. Alsat.(1592) Buch 8, Cap. 20. Sie ist, trotz vereinzelten Varianten,unselbständig und geht letztlich auf Closener zurück (vgl. S. 184).

Nächstdem erscheint die Schlageformel mehrfach in be-sonderer Überlieferung (vgl. Maßmann S. 75). Auf deutschemBoden abgesehen von der Aufzeichnung zum Jahre 1261 in deralten österreichischen Chronik (s. o. S. 67), so weit ich sehe,nur noch bei Johannes Turmair (Aventinus), Annalesducum Boiariae lib. 7, cap. 7, Sämtl. Werke Bd. 3, S. 323,ebenfalls auf die Geißler von 1261 bezogen:

') Bei Hoffmann von Fall. Kirchenl. S. 149 und bei PfannenschmidS. 173 bös entstellt.