148 Die deutschen Geißlerlieder.
zelne gehende und an den einzelnen sich richtende Erinnerung,die die Stichworte, fast darf man sagen: die technischen Be-griffe der Geißelbuße noch einmal zu Gehör bringt, hier eineallgemein gehaltene, in ausgesprochen volksliedhafte Form (s.Anm.) gebrachte Zusammenfassung, die von der Christenheitim ganzen handelt und ganz paßrecht in ein landläufiges Bildfür ihre Sündenverderbnis übergeht (90). Die Haltung dieserStrophe weist den Weg zu den tieferen Unterschieden, die dieinnerlich jüngste Fassung der Lit., den Text O, von den andernbeiden sondern. Die Lit. hat in O etwas von dem korporativenCharakter abgestreift, der den Geißlerverband als eine Heils-gemeinschaft abhebt innerhalb der Christenheit. Das Liedschwächt hie und da die geißlerischen Akzente ab und beginntsich auch innerlich der Haltung der allgemeingültigen Leiseanzuähneln. Sehr bezeichnend ist schon die Verblassung derEingangsstrophe: nicht mehr Der unser buoze welle pflegensondern Swe siner sele wille pleghen. Die sele muß auch in V. 3geißlerische Formulierungen vertreten; die arme sele kommtauch V. 66 noch einmal zum Wort. Vereinzelt sind bedeutsameSpitzen des Ausdrucks abgestumpft: lebe hertze 32 statt ifhcrtü herz R 114. Der eine Hinweis auf den Anlaß der Geißel-fahrt ist gefallen (R 40). Statt dessen ist die Hoffartstropheausgeweitet, Mariens Rolle ist verstärkt. Aus der Fürsprecherin,die in einem Sonderfall Christi Zorn besänftigen soll (so meintes nach dem Muster des Himmelsbriefes von Haus aus die Lit.),wird sie fühlbar wieder die Helferin der Litanei, deren Beistandder Mensch für sein letztes Stündlein anruft. Am deutlichstensprechen für dieses Einlenken der Liturgie in die Bahn desallgemeinen Leises die beiden letzten Strophen, die möglicher-weise ein Anwuchs jüngster Schicht sind, so daß also der in 0bewahrte Text vielleicht einmal mit V. 91 geschlossen hat.Diese Strophen haben nichts Geißlerisches mehr, sie könntenjedes Bittfahrtlied beschließen.
Nach alledem kann kein Zweifel sein, daß es in allemwesentlichen wirklich organische Volksliedentwicklung ist, diedie textlichen Unterschiede zwischen O und RC geschaffen hat.Es ist nicht etwa so, — wie man auch nach der Art der Über-lieferung von O zunächst vielleicht annehmen könnte —, daßdas unsichere Gedächtnis des Aufzeichnenden oder seines Ge-währsmannes für die Veränderungen und Lücken des Textes 0