140 Die deutschen Geißlerlieder.
deutlich eine Umsetzung von R 4 t., die nur eben ein Reim-paar zuwege bringen soll; und zwar wird es ein gut elsässischerReim. Natürlich bleibt zu erwägen, ob es sich da nicht umeine volksliedhafte Strophenmodelung handelt, zumal aus demkünstlicheren das einfachere strophische Maß wird. Aberdem steht entgegen, daß die an sich künstlich wirkenden Zeilen4 f. sonst im geistlichen Volkslied nicht nachzuweisen sind.Immerhin, hier mag man zweifeln. Deutlicher sprechen dieÄnderungen in Teil II Str. 2. Hier vermochte der Bearbeiterdie Reimpaarstrophe nur zu gewinnen durch Einfügung zweierleerer Flickverse: 56 Er sprach zu in vil senedeclichen und 59Daz wißent sicher one wan. Beide Zeilen schmecken nachLiteratur, nicht nach volksliedhaften Ergänzungen. Die Str.II 3 freilich hat ihren Dreireim behalten: hier war, schon aussyntaktischen Gründen, eine Änderung recht schwer. Gleich-wohl ist die Strophe gegenüber R symmetrisch geworden,insofern auf den ersten Dreireim ein zweiter folgt. Aber dasbraucht nicht notwendig auf das bewußte Eingreifen einesRedaktors zurückgeführt zu werden. Denn V. 66 sieht nachvolksliedhaftem Anwuchs aus (s. S. 121, Anm. zu 60—62), undV. 67, durchaus volksliedhaft (vgl. Lied II 18), war als abrun-dender Kehrreim nicht zu entbehren J ).
Sehr deutlich verrät sich die künstlich glättende Hand,die über das lebendige Volkslied gekommen ist, in der Tat-sache, daß der Closenersche Text nur noch reine Reime kennt;denn inf. reche 69 (: brechen) ist bestimmt nur ein Schreib-fehler. Wenn dabei in V. 35, ursprünglich Des mußent ir indie helle varn (: gar), das Reim wort varn papieren durch darersetzt wird, so bleibt kein Zweifel an dem künstlichen Charaktereiner solchen Änderung. Es ist auch nicht daran zu denken,wie man auf Grund von V. 70 und V. 89 vielleicht annehmenkönnte, daß diese Ausgleichungen erst auf die Rechnung desletzten Abschreibers kämen. Es wäre merkwürdig, wenn derNachbesserer sich auf die Bereinigung des Reims beschränktund nicht auch sonst an harten Stellen eingegriffen habensollte.
Zum Glück sind wir hier nicht auf das bloße Stil- undSprachgefühl angewiesen, sondern haben in dem Texte 0
r ) Abwegig ist die Vermutung Hoffmanns von Fall., der nach V. 66Ausfall eines Verses annimmt, Kirchen!. S. 139 Anm.