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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
Seite
131
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Die Liturgie (Lied i). 131

Die letzte Zeile der Geißlerstrophe mit ihrem stumpfen Aus-gang und dem Binnenreim entspricht freilich der üblichenSchlußzeile der Ballatenstrophe nicht, obgleich man gelegent-üch auch da auf einen Binnenreim stößt. Aber an dieser Stelleschwankt die italienische Strophe am ehesten; ihr eigentlichesGerüst sind deutlich die drei monorimi. Es muß dahingestelltbleiben, wo diese deutsche Zeile ihr Vorbild hat. Wieder bietendie Marienklagen ähnliches, z. B.

Owe kint, diu wengel sint

Dir so gar erblichen u. ä.Schönbach S. 3; und die lateinische Hymnik ist voll von Figurenvv ie fac nie vere tecum flere, crucifixo condolere (aus dem Stabatm ater), die ganz deutlich in dem Schlußteil der Lit. (V. 115 ff.)anklingen. Aber das scheint außer Frage, daß irgend einegehobenere Form als Ausgangspunkt zu nehmen ist. DieStrophe hat etwas Künstlicheres, als wir es von dem geist-lichen Volksliede niederster Schicht gewöhnt sind.

Daß Vierzeiligkeit der Strophe das Gesetz ist, unter demdi e Liturgie von Haus aus steht, läßt sich kaum bezweifeln.Sowohl der Osnabrücker Text wie die Limburger Chronik zeigtdie Dreireimstrophen als Vierzeiler, wenn diese Form an-scheinend auch erst auf dem Wege einer Rückbildung gewon-nen worden ist. Und was die Reimpaarstrophen anlangt, soSc heint schon die musikalische Behandlung darauf zu deuten,daß von dem Vierzeiler auszugehen ist. Die Grundstrophe war°ffenbar melodisch ausgewogen: aabb; die Neigung dieStrophe zu längen, die in Lied II und III deutlich ist, erscheinthier in der Lit. also hypertrophisch gesteigert. Daß O aufdie vierzeilige Strophe aus ist, bedarf keines Wortes weiter;ab er damit ist noch nicht gesagt, daß es einen ursprünglicherenZustand der Lit. darstellt. Vielmehr müssen wir uns, wiespäter genauer zu zeigen ist (S. 144), die Strophen von O

Wei sen nicht genauer nach. Er weist darauf hin, daß die Dreizahl der Reim-ten ein auffälliges Gegenstück habe in italienischen Sequenzen des 13. Jh.sVo «i Muster des 'Dies irae, dies illa' und folgert, 'daß eine derartige Herkunftder Melodie viel Wahrscheinlichkeit für sich hat'. Mir scheint der oben an-deutete Weg kürzer zu sein. Wenn übrigens Moser S. 232 das in der Engel-ber ger Hs. 314 überlieferte Lied Wol uf dervon, die zit ist hie, Der herre der wilAhnung hau (abgedruckt von Bartsch, Germania 18, 52) für ein Geißler-led erklärt, so beruht das auf einem Irrtum.

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