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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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124 Die deutschen Geißlerlieder.

linienlosen Neumen ungleichmäßig verfährt. In der Hs. ist esso, daß diese Neumen durch Höher- und Tieferstellung sehrdeutlich die Auf- und Abwärtsbewegung der Melodie nachzu-ahmen versuchen: sie wollen das Bild der auf Linien stehendenNeumen nachzeichnen. Runges Abdruck sucht diesem Aufund Ab z. T. nachzukommen (S. 3035), z. T. sieht er überdie Höhenunterschiede hinweg (S. 36 f.). So muß bei dem Leserein völlig falsches Bild entstehen. Aber freilich, hier handelt essich um eine Zeichengebung, von der nur ein Faksimile dierechte Vorstellung geben kann.

Überhaupt kann die Rungesche Ausgabe nur als ein ersterAbdruck gewertet werden, der einigermaßen den Stoff aus-breitet. Mancherlei feinere Fragen, die die Stücke stellen,werden nicht gebührend berücksichtigt oder überhaupt nichtberührt. Zunächst ist Runge nicht deutlich geworden, dasLied II (bei Hugo das erste, ganz durchnotierte) eine Sonder-stellung gegenüber allen andern Liedern einnimmt. Dies Liedzeigt in seinem Text eine dem Volkslied anstehende Freiheitder Taktfüllung und eine Neumierung, die sich diesen ungleich-mäßigen Takten silbengetreu anpaßt. Dem gegenüber ist nichtnur Lied III 'streng metrisch', wie Runge S. 7 angibt (er meint,mit regelmäßigem Wechsel von Hebung und Senkung gebaut),sondern auch die Verse von Lied I und IV erstreben ganz sicht-lich diesen Bau, wenn auch nicht mit gleichem Gelingen. Umdas zu erkennen, muß man freilich die Texte interpretierenkönnen, und mit ihnen steht Runge auf Kriegsfuß.

Fragt man nach den Gründen dieser Normalisierung desVersschemas, so muß die Antwort wohl von der Seite des Musika-lischen her gesucht werden. Die Melodien der einzelnen Liedersetzen sich, wie unten noch genauer gezeigt wird, aus ganzwenigen melodischen Phrasen zusammen, die nur stichisch auf-treten und in regelmäßigem Wechsel sich wiederholen. Esbegreift sich, daß der Wunsch, bestimmte melodische Phrasenunverändert durch ein ganzes Lied hin zu wiederholen, dazuführen mußte, den Rahmen der Verse und die Silbenzahl ihrerTakte zu normieren. Damit erhebt sich nun aber die Fragenach dem Zusammenstimmen von Melodie und Wort. Rungebeantwortet sie mit dem Satz: 'daß die Sinnakzente immer diegleiche Lage in der Melodie behielten, muß wohl als feststehendgelten' (S. 14); er ist der Meinung, daß ein 'Sinnakzent' immer