Druckschrift 
Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
Seite
120
Einzelbild herunterladen
 

120 Die deutschen Geißlerlieder.

Fall. Kirchenl. S. 190, 5; mit der Variante Behüt uns vor aller not beiUnland Volksl. S. 823.

Die Zeile vom gehen tot erscheint Lied III, 12 in anderer Verbindung:Daz er uns los von aller not Und behotte vor dem gähen tot. Gerade in dieserKoppelung tritt sie häufig in jüngeren Litaneien auf (etwa Bewar unsz vor demgähen todt Und hilff uns, herr, ausz aller noth Wack. 5, S. 1188, 34; vgl. 2,Nr. 1165, 10. 1172, 19 u. ö. Die Geißlerliturgie wird die Zeile propagiert haben,wenn sie sie auch schwerlich geschaffen hat. Denn von Haus aus bedeutet dergsehe tot nur den plötzlichen Tod; sofern er dem Menschen keine Zeit ließ zubeichten und das Sakrament zu empfangen, war er eine schwere Strafe Gottes.Die Bitte, vor ihm bewahrt zu bleiben, ist gewiß schon ein Bestandteil älterer,vorgeißlerischer Litaneien gewesen; vgl. Hilf uns daz uns iht erwische Gaher tot,von gotes tische Daz wir werden iht verbannen Mariengrüße 619 ff. (Zs. f. d. Alt.8, 292; 13. Jh.). In diesem Sinne ist gemeinhin der Bittruf der Litaneien zuverstehen, das wird gelegentlich aus jüngeren Rufen noch deutlicher; vgl-Das er uns bhiiet vorm gähen endt, Gotts leichnam aus des Priesters hendtVerleyhen wöll vor unsrem endt Wack. 2, Nr. 1222,2; vgl. ferner Formulierungenwie Und laze den tot nicht über mich gen An ruwe snellen unvorsen BartschErlös. S. 287 (Marien Rosengarten V. 91 f.). Die jüngeren Varianten vornischnellen Todt (Wack. 2, Nr. 681, 3; 5, Nr. 15, 4. 1443, 13) und vorm ewigen Tod(Wack. 2, Nr. 682, 2; 5, Nr. 1424, 35) weisen in dieselbe Richtung. Gelegentlich ingleicher Verwendung des todcs ge Wack. 2, Nr. 485,11. Das Mhd. verwendet dieFormel aber auch ohne diesen besonderen geistlichen Akzent einfach im Sinnevon 'mors subitanea', vgl. Lexer und Mhd. Wb. Indes scheint die Wendung auchin dem medizinischen Sinne für eine bestimmte Todesart (Herz-, Gehirnschlag)gebraucht worden zu sein; vgl. Ir aller wan lach daran, Ez were gewesen dergehe tot (der den Ermordeten dahingerafft hätte) Pass. H. 316, 70; ähnlichGesamtab. 2, 181, V. 237; so wohl auch daz er (der Leutsstain) den menschenbehüet vor dem gsehen end Konrad von Megenberg Buch d. Natur 456, 28; DerVater fiel am gähen end . . . zu tod Hund Bayr. Stammenb. 2 (1586), 280. gxhertot im Sinn eines Massensterbens, was erst die Übersetzung 'Seuche' recht-fertigen würde, scheint im älteren Mhd. noch unüblich. Höchstens Kaiserchron.7558 ließe sich anführen: Si wanden alle ze Rome, Ez chome von dem gahentode; Pass. K. 196, 84 schlägt nicht durch. Erst dieser Rückblick läßt Sinnund Bedeutung der Formel in der Geißlerliturgie klar werden: der ursprüng-liche Sinn des Rufes, die Bitte um Bewahrung vor einem unbußfertigen Ende,klang zweifellos noch mit (so erst kommt die Parallele zu Vers 44 zu ihremRecht); zugleich aber war die Formel vorbereitet, um mit der aktuellen Bedeu-tung 'die Pest' gefüllt zu werden. Es wird wesentlich auf die Rechnung desgroßen Sterbens von 1349 kommen, wenn wir seit der Mitte des 14. Jhs. öftergxher tot im Sinne von 'Seuche' finden: Diz ist daz bilde daz sanctus Gregoriusliz tragen zu Rome vur den gehen tot, also man heget an sancte Marcus tage, unddi plage vorginc zu male Hermann von Fritslar nach Myst. 1, 221, 19; so er(nämlich der iarstac) den dinstac gevellet, so wirt groz winter . . . vnd der lenzewirt naz und der suemer trucken und vrowen sterbenie und der gehe tot Wetterregelin einer Breslauer Handschrift (14.15. Jh.) Anz. f. d. Kunde d. d. Vorzeit 7,360; Du hast auch macht von got gewert Den gächen tot vertreiben (von St. Christoph)Unland Volksl. S. 810; Von dem gstanck kam ein pestilentz. Auch starben viel