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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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100 Die deutschen Geißlerlieder.

liehe Formen aus ist, entfernt sich zu bewußt von der ge-sprochenen Sprache des Aufzeichners. Kein Zweifel kanndaran sein, daß er ein Niederdeutscher war. Nicht minderdeutlich ist, daß der Text ursprünglich hochdeutsch war. Wennman es nicht aus der sonstigen Überlieferung der Liturgiewüßte, müßte es der Text selbst lehren, der in seiner ganzensprachlichen Haltung hochdeutsch ist: Es ist nur gerade dieeine oder andere Ersatzvokabel eingetreten, wo ein Wort desGrundtextes dem Nd. fehlte (betten 31 für bidemen; trene 33an Stelle von tougen ; auch seeppen 76 mochte in der gefordertenBedeutung dem Niederdeutschen paßrechter sein als schicken);sonst begegnet kein rein nd. Wort, man müßte denn reyne 79als 'vollständig' nehmen. Dagegen schmeckt manches nachhd. Wortgebrauch: sich (en)barmen ouer 40. 86; sich wendenan 94; und am deutlichsten sprechen die Reime.

Die Frage stellt sich, wie die sprachliche Mischung sicherkläre. Um die Antwort vorweg zu nehmen: ein Nieder-deutscher, vermutlich ein Westfale, hat einen verniederdeutsch-ten Text der Liturgie zur Aufzeichnung gebracht, indem erihm eine sprachliche Form gab, die wieder dem Hd. zustrebte.Der Schreibende mag an sich, wie es uns die Urkundenspracheseiner Zeit und Landschaft zeigt, in nd. Niederschriften hd.Formen Raum gegeben haben; aber der Hauptgrund wirdgewesen sein, daß er dem hd. Grundcharakter des Liedes gerechtwerden wollte. Damit ist die Frage freilich noch offen, inwelchem Grade von Verniederdeutschung ihm der Text vorlag,wieviel von hd. Überbleibseln auch an grammatischen Formennoch darin war. Daß die niederdeutschen Geißler die Liturgiein einer Art Mischsprache sangen, ist mir sicher: der kanonischeCharakter des Textes verbot tiefere Eingriffe und machteauch mundartfremde Formen erträglich. Aber Genaueres istnicht mehr zu ermitteln; ganz deutlich ist nur, daß man sichmindestens im Reim Formen wie stich (statt nd. steke), lan(statt nd. taten), koninghin (statt des gewöhnlichen koninginne27), gewiß auch herzen: smerzen gefallen ließ.

Wie unser Text geschrieben vorliegt, fällt vor allem derhd. Überwurf in die Augen, der die im Grunde doch nd. Schreib-weise bedeckt:

hertze 32; hertzen: smertzen 35 f.; korcelike 55 (gegen korter 45); was 20;das 11. 18, mit Kompromißschreibung datz 9. 19 (gegen häufiges dat); botsen 5